Als Gier noch gut war

Die 7 verblüffenden Dinge, die "Wall Street" erreicht hat

Tut uns leid, Hollywood – der genialste Börsen-Zocker-Film ist und bleibt Wall Street. Er hat Meilensteine gesetzt, dass einem die Ohren schlackern. Wenn ihr eure Freunde beim nächsten Filmabend verblüffen wollt, solltet ihr genau hier weiterlesen.
2013 schien mit „The Wolf of Wall Street“ die Wachablösung gekommen zu sein für den besten Film über Spekulanten und ihre Jet-Set-Milieus. Wohlgemerkt: schien. Regisseur Martin Scorsese ist ein Genie, wenn es um sprühendes Blendwerk geht, und er weiß seine Schauspieler so zu motivieren, dass sie einen brauchbaren Filmstoff in Überwältigungskino verwandeln. Doch Scorseses grimmig-höhnischer Filmheld hat einen Nachteil: Der Zuschauer interessiert sich etwas wenig für ihn. Ihm reicht es, sich an seinem Superpillen-getriebenen Niedergang zu berauschen. Ein dreistündiges, aber schnell verdautes Vergnügen.


Mjamm.

Wer von einem Film über die Geldgeilheit der Finanzwelt mehr erwartet, trifft mit „Wall Street“ noch immer die beste Wahl. Er bleibt der Film, der den Maßstab für das Genre gesetzt hat … ja, nennen wir es „Spekulantendrama“. Warum? Weil er einfach sieben Sachen erreicht hat, die kein anderer Film vorher geschafft hat.

1. Er hat die Wall Street entjungfert

Mit „Wall Street“ erfolgte die Entjungferung der New Yorker Börse durch Oliver Stone. Denn nie zuvor durfte ein Filmteam während des Parketthandels in der NYSE drehen.


Wir präsentieren: Filmgeschichte.

Es sorgt noch immer für einen kleinen Schauer, in der entsprechenden Szene dieser Sekunde Null beizuwohnen.

2. Er hat den Crash prophezeit

In „Wall Street“ zeigte er unverblümt, dass Gier der Beweggrund der Menschen ist, die an den Finanzmärkten arbeiten; er stellte ihre Skrupellosigkeit zur Schau und ließ keinen Zweifel, dass früher oder später jemand einen hohen Preis dafür zu zahlen hat.


“Aufhören? Ach was, bis eben lief das noch super! Alles auf Schwarz!”

Knapp zwei Monate vor der Premiere (da war der Film bereits fertig) erlebten die Börsen weltweit ihren schwärzesten Tag nach dem Zweiten Weltkrieg. Die genauen Auslöser des Crashs verlieren sich bis heute im Zahlenchaos – der Beweggrund dafür ist sehr wohl klar. Siehe oben.

3. Er hat familien-intimes auf Film gebannt

Aller Unwirklichkeit zum Trotz, die einem Milieu anhaftet, in dem 100.000 Dollar mehr oder weniger pro Tag reines Spielgeld sind: „Wall Street“ ist Oliver Stones persönlichster Film (neben seinem Meisterwerk „Platoon“, in dem er seine Erlebnisse aus dem Vietnamkrieg verarbeitet). Denn Oliver Stones Vater Louis war Börsenmakler, und Geld war alles, was in seinem Elternhaus zählte. Er warf seinem Sohn stets vor, dass er mit Filmen niemals Erfolg haben würde.


“In your Face, Papa.” – ist, was Oliver Stone in seiner kleinen Cameo hier hätte sagen sollen.

In „Wall Street“ hat Stone das Vater-Sohn-Zerwürfnis einfach umgedreht: Nicht der Sohn (Budd Fox, gespielt von Charlie Sheen), sondern sein Vater ist es, der es vorzieht, ehrenwert zu arbeiten statt dem Geld nachzujagen.
Oliver Stone hat den Film seinem Vater gewidmet, der 1985 gestorben war, und ihn in der Nebenrolle des Lou Mannheim weiterleben lassen, als gemäßigter Börsianer vom alten Schlag.

4. Er hat den Schmierfinken-Look erfunden

Wer wissen will, wieso nach hinten gekämmtes pomadiges Haar in Kombination mit dreiteiligen Anzügen auch heute noch als Zeichen eines karrieregeilen Emporkömmlings gilt, der schaue „Wall Street“:


“Fies reich werden reicht nicht – du musst auch fies reich aussehen.”

Genau da kommt diese ätzende Geligkeit her. Auch die Frisur eines von und zu Guttenberg hat dort ihre Wurzeln.

5. Er hat moralisch pleite gemacht

Trotz bester Absichten hatte sich Oliver Stone in einer Facette mit dem Film verspekuliert wie Gordon Gekko mit Bluestar-Aktien: nicht finanziell (denn „Wall Street“ spielte ein Vielfaches seiner Herstellungskosten ein), aber doch ideell. Oliver Stone wollte die Finanzwelt anprangern – leider ließ Michael Douglas sie so lässig aussehen wie nie zuvor.


“Ich bin skrupellos, erfolgreich und ziemlich geil. Werde bitte nicht wie ich.”

Das Ergebnis: Die großen Zockerbuden erhielten eine Flut von tausenden jungen Nachwuchs-Gekkos, die überhaupt kein Problem damit hatten, Werte und langfristige Planung über Bord zu werfen, um skrupellos, erfolgreich und ziemlich geil zu werden.

6. Er hat Michael Douglas gekrönt

„Wall Street“ war DER Durchbruch für Michael Douglas und brachte ihm seinen Oscar als bester Hauptdarsteller. Es ist fantastisch, ihm dabei zuzusehen, wie er dem gefühlsarmen Materialisten ein menschliches Gesicht gibt. Einen Augenblick lang, während einer Rede auf einer Aktionärsversammlung, schafft er es tatsächlich uns glauben zu machen: Gier ist gut.


Er hat recht, gebt diesem Mann all mein Geld!

Ironie am Rande: Für die weibliche Hauptrolle im gleichen Film erhielt Daryl Hannah die Goldene Himbeere – für die schlechteste Schauspielleistung des Jahres. Leider völlig zu recht. Sie ist trotzdem entzückend.

7. Er hat unsere Geld-Psyche durchschaut

Oliver Stone wusste genau, was Börsenmenschen antreibt. Seine vier Hauptfiguren gehen ganz unterschiedlich an Geld heran: Anbetend (= Budd Fox), statusbewusst (= Gordon Gekko), Vermeidend (= Carl Fox) oder bewachend (= Darien Taylor). 2013 erforschte ein Team von Finanzpsychologen grundsätzliche Einstellungen zu Geld – und fand genau diese vier Archetypen.


Unsere Einstellung zu Geld: Geeeeeeeeeeld.

Stone bewies mit seiner Vorwegnahme 26 Jahre zuvor in „Wall Street“ einen beeindruckenden Riecher, was der Grund dafür sein dürfte, dass der Film ein natürliches Gleichgewicht besitzt, welches ihn so glaubhaft und lebendig wirken lässt.

Die Meilensteine, die Wall Street für das Kino gesetzt hat, sind damit noch lange nicht vorbei. Er ist außerdem der einzige Oliver-Stone-Film, der ein Sequel hat, ein Karrieresprungbrett für Partyhengst Charlie Sheen, und einfach große Unterhaltung. Wer sich da nicht vor den Fernseher setzt, dem können wir tatsächlich auch nicht helfen.

Ach halt, einen Meilenstein haben wir noch: In „Wall Street“ ist das erste funktionierende “Smart”-Phone zu sehen. Ein ganzes Kilo Telefon auf 25 cm Länge, die Spitzentechnologie in beige-grau für den modernen Business-Fürsten. Allein dieser Anblick lohnt das Einschalten.


“Hallo, Zukunft? Warum hab mich dieses Teil 4000$ kosten lassen? -
Ach richtig. Weil ich steinreich bin.”

„Wall Street“ (USA 1987, Regie: Oliver Stone, mit: Charlie Sheen, Michael Douglas, Daryl Hannah) läuft am Samstag, dem 13.12. auf kabel eins CLASSICS.