Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel

Fifty Shades of Gay?

Quentin Tarantino ist ein lausiger Film-Erklärer. In einem Kurzauftritt in „Sleep with Me – Liebe zu dritt“ (1994) deutet er „Top Gun“ kurzerhand in eine Schwulentragödie um. Hat der Südstaaten-Kino-Nerd wirklich eine Ahnung vom größten Pilotenfilm aller Zeiten?

Zwei Minuten schwallt er hocherregt auf sein Gegenüber ein, bis der zustimmt: Die Heldenaction mit den draufgängerischen Piloten ist in Wahrheit ein homoerotisches Flugballett, und die Hauptfigur hadert mit ihrer Homosexualität.


0:34, da liegt die Wahrheit der Stoner-Theorie: Iceman und seine Jungs sind die schwule Seite, und Kelly McGillis die straighte Seite der Macht.

Diese Szene (geschrieben übrigens von Tarantinos Partner Roger Avery), prägt die Art und Weise, wie „Top Gun“ heute wahrgenommen wird. Gut möglich, dass der Film gerade deshalb einen gewissen Kultstatus genießt, und vielleicht müssen seine Macher für diese späte Umdeutung dankbar sein. Bisher war die Alternative, sich gegen den Vorwurf zu wehren, ein Werbefilm für die US-Marineluftwaffe zu sein (Inhaltsangabe to go: Pilot Maverick darf sich an der Elitefliegerschule Top Gun als Bester beweisen, verliert dabei einen Freund und gewinnt eine Freundin).


“Zwei von drei, läuft doch super!”

Doch der Kinosommerhit des Jahres 1986 ist nicht homoerotischer als Tom Cruises heutiger Wiedergänger auf dem Fußballfeld, Cristiano Ronaldo, und wie der sich in einer Meute Elitesportler als Weltfußballer 2014 zu beweisen versucht.
Auch der Anstieg der Bewerberzahlen für eine Pilotenausbildung war nach dem Kinostart überschaubar; die Navy hatte sogar verfügt, beim Werben um Rekruten keinerlei Zusammenhang zu dem Film herzustellen.

Weiche Schale, harter Kern

Was den Film heute vielmehr auszeichnet, ist seine Weichheit. „Top Gun“ ist, anders als der dämliche deutsche Untertitel nahelegt („Sie fürchten weder Tod noch Teufel“), kein Draufgängerkino, sondern eine Schwerkraft überwindende Ballade über einen Mann, der ein einfaches Ziel verfolgt: der Beste seiner Zunft zu werden.


Pokémon!

Die Szenen in den immersonnigen Lüften sind der große Wurf dieses Films. Wir sehen Himmel in fünfzig Farben und faszinierende Fluggeräte, die sie mit brutaler Eleganz in viele Horizonte teilen. Die Choreografien der Jagdbomber in der Luft verströmen fürwahr balletthafte Leichtigkeit. Und Tom Cruise ist die Primaballerina. Die Idee, „Top Gun“ homoerotisch zu interpretieren, kann nur daher rühren, dass tänzerische Leichtigkeit nicht als heteromännliches Attribut gilt, und dann muss ja, nach gängiger Schulhoflogik, schwul sein, wer so was beherrscht.


Vielleicht spielen auch die langen Gespräche in der Umkleidekabine eine Rolle.

Geschenkt.
Aber Weichheit. Es ist eine meisterhafte Leistung, diese Vielfliegerei jenseits der Schallmauer wie eine spielerische Meditation auf Speed wirken zu lassen. Denn Kampfjets zu fliegen, ist alles andere als ein Pfadfinderabenteuer in der Luft. Es ist ein knochenharter Job, für den die wenigsten Menschen eine Eignung mitbringen, und jeder, der das eine Weile macht, sieht dabei irgendwann Freunde und Kameraden sterben – ganz ohne Feindberührung.

Der Schleudersitz rettet deinen Arsch, aber nicht deine Knochen

Zum Beispiel der Schleudersitz – das einzige Risiko, das „Top Gun“ nicht beschönigt. Im Schnitt endet jeder zehnte Einsatz eines Schleudersitzes tödlich. Dabei muss es nicht mal zum Zusammenprall mit Flugzeugteilen kommen. Die Raketen (!), die den Sitz aus dem Jet befördern, treiben das Sitz-Piloten-Gespann binnen einer Zehntelsekunde auf die zwanzigfache (!!) Erdbeschleunigung. Der Pilot wiegt in diesem Augenblick so viel wie eine Mercedes S-Klasse, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er bei dem ganzen Vorgang das Bewusstsein verliert; sein Fallschirm löst daher automatisch aus.


Und es hat einige Versuchs-Kätzchen verbraucht, das mit dem automatischen Auslösen richtig hinzubekommen.

Auch wenn dabei technisch alles glatt läuft, tragen Piloten nach einem Flug im Schleudersitz bleibende Schäden davon, die in der Regel ihre Pilotenlaufbahn beenden. Bei Geschwindigkeiten von vielen hundert km/h, die so ein Maverick drauf hat, wenn er den Notausstieg nimmt, brechen und reißen ihm im Flugwind allerlei Knochen und Bänder. Ein Drittel aller Schleudersitzflieger erleidet Überdruckbrüche an der Wirbelsäule, die sie zwei bis fünf Zentimeter kleiner machen.

Die Technik ist ein Albtraum

Ohnehin sind Kampfjets unsichere Gesellen. Man hat sie auf maximale Effizienz, maximale Geschwindigkeit, maximales Maximum getrimmt, aber nur in geringem Umfang darauf, dem Piloten den Arsch zu retten. Eine Kampffliegerweisheit lautet daher: Zwei Antriebe verdoppeln nur die Chance ihres Ausfalls.

Was ebenfalls der Schönheit der Bilder zum Opfer fiel, ist der irre Wartungsaufwand, den die Jets erfordern. Auf eine Flugstunde kommen fünfzehn oder mehr Wartungsstunden. Wer schon vom Fahrrad-Aufpumpen stöhnen muss, sollte eine Laufbahn als Jetlenker in den Wind schießen.

Dann wäre da noch der Albtraum, mit dem Marinefliegers Tagwerk beginnt und endet: Starten und Landen auf einem Flugzeugträger. Sagte ich Tagwerk? Nein, das muss auch nachts. Der Start erfordert die kilogrammgenaue Erfassung des Fluggewichts, sonst rollst du nur ein 40-Millionen-Euro-Geschoss ins Wasser (mit dem du auch sicher untergehst, falls du den Treibstoff für den Schleudersitz sparen willst); das Landen wiederum hat ein US-Navy-Pilot einmal so beschrieben: als ob du im zehnten Stock aus dem Fenster springst und mit der Zungenspitze auf eine Briefmarke treffen willst. Was für ein Spaß!

Fazit: Fliegen ist nichts für Muschis

Aber einmal oben, muss die Freiheit doch grenzenlos sein!? Ja, für etwa eine Stunde. Danach ist der Treibstoff alle. Weil aber manche Einsatzflüge länger dauern, haben wagemutige Ingenieure Tankflugzeuge entwickelt. Wer von ihnen betankt werden will, benötigt die Ruhe und Konzentration eines Uhrmachers in der Achterbahn, bis zu sechs Mal pro Flug.

Von all dem erzählt uns „Top Gun“ nichts, doch immerhin verkauft er diesen gefährlichen Job nicht allzu plakativ als High-Tech-Abenteuer für ehrgeizige Konsolenjunkies.
Hierzulande ist das Ganze keineswegs sicherer: Auch ohne Verwicklung in Kriegshandlungen hat die deutsche Luftwaffe von 1960 bis 1989 weit über 500 Flugzeuge verloren, mehr als die Hälfte davon waren F-104 Starfighter, die 110 Piloten in den Tod rissen.

Wer vor diesem Hintergrund den Flugoffizieren von Top Gun immer noch homoerotische Fantasien andichtet, hält vermutlich auch „The Walking Dead“ für eine Serie mit sexuellem Unterton. Nur Charlie, Mavericks Ausbilderin und Flamme, hat sich ironischerweise später tatsächlich als lesbisch geoutet – im wahren Leben ihrer Darstellerin Kelly McGillis.

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