Wo sind die Stars unserer Kindheit hin?

8 Kinderstars und was aus ihnen wurde

Kinder in guten Filmrollen sind wie Schokolade: süß, manchmal bitter und machen glücklich. Als freche, liebenswerte, tapsige oder tapfere junge Filmhelden haben sie es leicht, Kinoherzen zu erobern.

Werden sie aber erwachsen, ist es aus mit der Herzlichkeit: Die einen müssen gegen ihr Image als niedlicher Fratz kämpfen, andere zerbrechen an ihrem frühen Erfolg. Viele müssen sich komplett neu erfinden. Nicht allen gelingt das – und ein paar bezahlen für den jungen Ruhm einen hohen Preis.

8 Kinderstars und was aus ihnen wurde.

1. Radost Bokel: „Momo“ (1986)

Ganz Deutschland war verliebt in den superwuscheligen Lockenkopf der bübischen Radost Bokel alias Momo, die den Kampf gegen hinterhältige Zeitkrämer aufnahm. Für die 1975 in Bad Langensalza geborene Bokel war es die erste Filmrolle. Es blieb ihre prominenteste. Sie drehte nur zwei weitere – leider grottenschlechte – Kinofilme und versackte zusehends im Allerlei deutscher TV-Ware. Einzig ihre Rolle an der Seite von Ben Kingsley in dem italienischen Abenteuer-Vierteiler „Das Geheimnis der Sahara“ (1988) und ihr Auftritt in dem herausragenden Saarbrücker Tatort „Herzversagen“ (1989) sind eine Erwähnung wert.

Der Lockenkopf ist schon lange weg, und ihre Rollen zwischen Soko hier und Palmenklinik da gründen auf nichts als ihrer Prominenz als zehnjährige Momo. Eine Fotostrecke im Playboy, ihre Teilnahme an „Ich bin ein Star …“ und ihr Dauerabo als Tratschobjekt in Bunte, Gala & Co. sprechen Bände: ein herzerweichender Kinderstar macht noch keine gute Schauspielerin. Dem Charme von „Momo“ kann das keinen Abbruch tun.

2. Thomas Brodie-Sangster: „Tatsächlich Liebe“ (2003)

Als Thomas Sangster 2003 den frühreifen liebestollen Rotschopf Sam in der liebestollen britischen Weihnachtsherzschmerzkomödie „Tatsächlich Liebe“ gab (und erheblich an der Kultwerdung des charmanten Hugh-Grant-Festspiels mitwirkte), war er bereits zwei Jahre im Geschäft und hatte acht beträchtliche Fernsehproduktionen hinter sich. Im selben Jahr, in dem er als süßer Sam allen den Kopf verdrehte, spielte er in dem kanadischen Zweiteiler „Hitler – Aufstieg des Bösen“ keinen geringeren als den zehnjährigen Adolf Hitler.

Sangster hat ein gutes Los gezogen, das Filmgeschäft ist ihm, einem Großcousin von Hugh Grant und Kind von Schauspieleltern, quasi in die Wiege gelegt. So spielte er 2011 in der rührenden Tragikomödie „An einem viel zu langen Tag“ seine erste Hauptrolle, in „Star Wars VII“ einen Offizier und, wie die meisten längst wissen, den mysteriösen Jungen Jojen Reed mit den seherischen Fähigkeiten in „Game of Thrones“. Auch wenn dem heute 26-Jährigen längst die große Karriere blüht und er bereits in 328 (!) Filmen und Episoden mitwirkte – er spielt noch immer Kinderrollen („Maze Runner“) und wird auf Privatpartys als Attraktion aus „Tatsächlich Liebe“ herumgereicht. Ein Beispiel dafür, wie beliebte Kinderrollen zu einer hartnäckigen Bürde werden können.

3. Mara Wilson: „Matilda“ (1996)

Der umtriebige Knubbel Danny DeVito ist nicht nur ein wunderbarer Charakterschauspieler und oscarnominierter Produzent („Erin Brockovich“), sondern hat auch sechs Kinofilme dirigiert. Die zwei berühmtesten: „Der Rosenkrieg“ und „Matilda“. In letzterem spielt die neunjährige Mara Wilson das Wunderkind Matilda Wormwood, das mit Hilfe seiner Lehrerin und telekinetischer Fähigkeiten gegen grobschlächtige Eltern und eine biestige Schulleiterin kämpft.

Obwohl „Matilda“ schwache Kritiken erhielt und kein Kassenerfolg war, hat sich der Familienfilm – nach einer Geschichte von Roald Dahl – als Klassiker etabliert. Im Gegensatz zu Mara Wilson: Als „Matilda“ erschien, war sie bereits aus „Mrs. Doubtfire“ und „Das Wunder von Manhattan“ bekannt. Doch der Tod ihrer Mutter während der Dreharbeiten zu „Matilda“ hat die Spielfreude der Neunjährige getrübt. Sie drehte neben einigen TV-Produktion noch zwei Spielfilme, die beide floppten, woraufhin sich Mara Wilson im Jahr 2000 – 13-jährig – aus dem Filmgeschäft zurückzog. Seit sie ihr Studium beendet hat, arbeitet sie als Bühnendarstellerin und Sprecherin und schreibt eigene Theaterstücke. Obwohl sie 2012 erklärte, nicht mehr auf eine Leinwand zurückkehren zu wollen, übernahm sie 2015 noch einmal eine Hauptrolle, in der grotesken Low-Budget-Komödie „Billie Bob Joe“.

4. Lukas Haas: „Der einzige Zeuge“ (1985)

Er spielte zwar diesen einzigen Zeugen, der dem Film den (deutschen) Titel gab, doch von den zwei Oscars und sechs Oscar-Nominierungen, die Peter Weirs meisterliches Kriminaldrama errang, war Lukas kein einziger gewidmet. Dennoch, es war erst sein zweiter Spielfilm, und gleich so ein Kaliber. Der damals achtjährige Bub – Sohn eines deutschen Vaters und einer texanischen Autorin – erntete für sein sensibles Spiel eines Amish-Jungen, der als Mordzeuge unter einen widrigen Schutz genommen wird, internationale Anerkennung.

Schon Haas’ Leinwanddebüt 1983, „Das letzte Testament“, erhielt eine Oscar-Nominierung. Ganz so überfliegermäßig ging es nicht weiter für ihn, aber er konnte sich eine solide Schauspielkarriere aufbauen, die bis heute anhält: mit insgesamt 54 Spielfilm- und über 70 TV-Produktionen, darunter Nebenrollen in „Inception“, „The Revenant“ und „Lincoln“. 2005 spielte er neben Joseph-Gordon Levitt die Hauptrolle in dem ausgezeichneten Coming-of-Age-Thriller „Brick“.

5. Justin Henry: „Kramer gegen Kramer“ (1979)

Justin Henry hält seit 36 Jahren den Rekord für den jüngsten Oscarnominierten aller Zeiten. Er war acht, als er für seine Darstellung des Scheidungskinds Billy Kramer geehrt wurde. Und für „Kramer gegen Kramer“, fünffacher Oscar-Gewinner und erfolgreichster Film des Jahres 1979, stand Justin Henry zum ersten Mal überhaupt vor einer Kamera, da war er noch sieben und ohne eine einzige Schauspielerfahrung.

Wie es dazu kam? Sein Nachbar war der Casting-Direktor. End of story. Seine Gage betrug 5.000 Dollar. Dem Traumstart folgte nicht unbedingt eine Traumkarriere: Nur zehn weitere Spielfilme drehte Henry, von denen nur „Das darf man nur als Erwachsener (Sixteen Candles)“ noch erinnerungswürdig ist. Hinzu kamen eine Handvoll Auftritte in mittelmäßigen Fernsehserien und drei passable Fernsehfilme. 2014 stand der damals 43-Jährige für eine Nebenrolle in dem Horror-Krepierer „Reaper“ letztmals vor einer Kamera.

6. Tatum O’Neal: „Paper Moon“ (1973)

Und wo wir gerade bei Oscar-Rekorden sind: Der jüngste Oscar-GEWINNER aller Zeiten heißt seit 42 Jahren Tatum O’Neal. Sie war zehn, als sie die begehrteste Filmtrophäe der Welt entgegen nahm – für die beste weibliche Nebenrolle als Addie in Peter Bogdanovichs schillernder Waisendramödie „Paper Moon“. Aber natürlich war das keine Nebenrolle: O’Neal, noch keine zehn Jahre alt, trug diesen Film beinahe im Alleingang. Mit knapp 67 Minuten hält sie sogar bis heute den Rekord für die längste Leinwandpräsenz einer oscarprämierten Nebenrolle.

Es war zugleich ihr erster Auftritt vor einer Kamera überhaupt. Salär: 16.000 Dollar. Ein Schauspiel-Gen war ihr mitgegeben: Beide Eltern waren beim Film. Vater Ryan ist bis heute ein erfolgreicher Schauspieler („Barry Lyndon“, „Is’ was Doc“, „Die Brücke von Arnheim“, oder die TV-Serien „Peyton Place“ und „Bones“), doch ihr Verhältnis ist seit „Paper Moon“ zerrüttet. Ihr Vater missgönnte dem Kind den Oscar und blieb der Verleihung fern.

Künstlerisch konnte Tatum nie wieder an den Erfolg von „Paper Moon“ anknüpfen. „Die Bären sind los“ (1976) und „Kleine Biester“ (1980; darin wurde Matt Dillon zum Sexsymbol) waren ihre einzigen weiteren Filmerfolge, in den 70er Jahren war sie der bestbezahlte Kinderstar. Ihre Auftritte vor der Kamera wurden jedoch seltener und beliebiger. 1986 ehelichte sie den Tennis-Star John McEnroe und bekam drei Kinder; 1992 zerbrach die Ehe im Streit, aufgrund einer Tablettenabhängigkeit erhielt McEnroe das Sorgerecht für alle Kinder. Nach einer Nebenrolle in „Basquiat“ (1996) begann O’Neal mit dem Drehen von TV-Serien, zunächst vereinzelt in „Sex and the City“ und „Criminal Intent“, ab 2006 als festes Mitglied in „Rescue Me“ und „Wicked Wicked Games“.

Bis heute hat sie sich als beständige, unter Kollegen beliebte, aber meist glücklose Schauspielarbeiterin behauptet. Drogendelikte als Abhängige wie als Dealerin haben ihr immer wieder zugesetzt. Dieses Jahr wird es noch mal spannend: Unter der Regie von Horror-Altmeister Tom Holland („Fright Night“, „Chucky“) wird sie eine Hauptrolle in dem Horrorthriller „Rock Paper Dead“ übernehmen.

7. Noah Hathaway: „Die unendliche Geschichte“ (1984)

Unter der Regie von Wolfgang Petersen durfte Noah die vielbeneidete Rolle des Atréju in Michael Endes Unendlicher Geschichte spielen. Jeder wollte auf dem Glücksdrachen Fuchur fliegen. Für Noah war es die Produktion seines Lebens – mit unschönem Ausgang. Filmerfahren mit bereits fünf vollendeten Spielfilmen (vor der Kamera stand der Viertelmohikaner schon mit drei Jahren) erhielt er einen Vertrag über drei Drehmonate. Tatsächlich zogen sich die Dreharbeiten über zehn Monate hin – und Noah, damals 13, musste die Übermonate einklagen. Die Produzenten nahmen ihm das so übel, dass er von der Premierenfeier ausgeschlossen wurde. Willkommen in Hollywood!

Danach drehte er 1986 seinen vorerst letzten Film, ehe er acht Jahre Später zum ersten Mal wieder vor die Kamera trat – um danach weitere 18 Jahre zu pausieren. Seit 2012 wird er wieder zunehmend umtriebig. Für 2017 (oder später) sind alleine sechs Spielfilme mit ihm angekündigt.

8. Jake Lloyd: Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung (1999)

Der junge Anakin Skywalker hat es im Film wesentlich besser getroffen als sein Mime im wirklichen Leben. Der Auftakt der umstrittenen Star-Wars-Prequels war kein Glücksfall für den aufstrebenden Kinderschauspieler Jake Loyd. Mit kleinen Rollen in „ER“ und „Pretender“ sowie ein paar Hollywood-Produktionen im jungen Lebenslauf hätte seine Star-Wars-Rolle der nächste große Schritt werden können. Doch er (wie viele andere) haben die Rechnung ohne die fanatischen Star-Wars-Fans gemacht. In der Schule wurde der Zehnjährige für seinen „Verrat“ an der Güte der Star-Wars-Saga so heftig gemobbt, dass er aus Hollywood wegziehen musste.

Es kam noch trauriger. Neben einer Rolle im Sportdrama „Madison“ (2001) blieb Loyd nur noch eine Aufgabe: das Vertonen von Star-Wars-Videospielen. 2002 endete damit Loyds Karriere im Filmgeschäft. Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in South Carolina kam Loyd 2015 in Haft. Vergangenes Jahr gab seine Mutter bekannt, dass er an Schizophrenie erkrankt ist und seither in der Psychiatrie lebt. Die dunkle Seite hat ihn vorerst besiegt.
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Ja, das Haifischbecken Hollywood kann schon recht ernüchternd sein. Aber auch wenn es also einige Kinderstars gibt, deren Traum von einer langfristigen Hollywood-Karriere schneller zerplatzte als ein Luftballon im Kakteen-Feld, so gibt es doch nach wie vor auch eine Menge Erfolgsgeschichten. Wir erinnern da nur an die zahlreichen Karrieren heutiger Megastars, von denen viele auch schon in jungen Jahren vor der Kamera standen.

Mehr dazu in unserem Artikel Die 7 überraschendsten ersten Filmrollen unserer Lieblingsdarsteller.