Der ewige Mann

"Spartacus" Kirk Douglas wird 100 Jahre alt

Ja, er lebt noch. Ja, es geht ihm gut. Was ein wenig ironisch wirkt, denn kaum ein Schauspieler hat so viele Körperteile verloren wie Kirk Douglas. Natürlich nur im Film. Aber was heißt da „nur“? Der Mann ist eine Säule des Film-Pantheons. Und er wird es für immer bleiben. Die Würdigung eines unsterblichen Schauspielers.

Vor vier Jahren ruft er seinen Sohn Michael an: „Ich habe gerade einen alten Film von mir im Fernsehen gesehen, und ich konnte mich nicht an ihn erinnern.“ Michael beschwichtigt seinen Vater: „Dad, du bist 96, das ist schon okay.“ Doch Kirk ist voll bei Sinnen: „Ich habe genauer hingesehen: Es ist ein Film mit dir!“ Wer die Filmkarrieren von Vater und Sohn, von Kirk und Michael Douglas gleichermaßen verfolgt hat, weiß, was gemeint ist: Michael wird seinem Vater mit jedem Jahr ähnlicher. Und so holt den Sohn doch wieder ein, was er ein halbes Leben lang abzuschütteln versuchte – der Schatten seines Vaters, Kirk Douglas, Titan von Hollywood.

Ein Lumpensohn und Frauenschwarm

Issur Danielovitch Demsky ist Kirks bürgerlicher Name, als er am 9. November 1916 in Amsterdam, New York zur Welt kommt. Seine jüdischen Eltern waren vier Jahre zuvor aus Weißrussland in die USA immigriert. Während in Europa noch der Erste Weltkrieg wütet, wächst er als einziger Sohn mit sechs Schwestern in einem Armenghetto auf. Seine frühen Lebensumstände begleiten ihn für alle Zeit: „The Ragman’s Son“ – Der Sohn des Lumpenhändlers – nennt er später seine erste Autobiografie.

Kirk ist ein guter Schüler und ein athletischer Kerl. Seine Englischlehrerin, die ihn im Alter von 15 entjungfert, fördert ihn. Er ist zielstrebig, erkennt, dass er mit einem Schauspielstipendium seiner Armut entkommen kann. Talent hat er auch, und so landet Douglas an der American Academy of Dramatic Arts. Ein paar kleine Broadway-Produktionen folgen. Dann kommt der Zweite Weltkrieg dazwischen, Kirk dient vier Jahre in der US-Marine.

Nicht zu bremsen

Nur kurz kehrt Douglas 1945 ans Theater zurück, dann verhilft ihm seine frühere Mitschülerin Lauren Bacall zu einem Vorsprechen beim legendären Filmproduzenten Hall B. Wallis (der von 1931 bis 1975 über 370 Spielfilme produzierte, darunter „Casablanca“). Es gelingt. Kirk erhält 1946 eine starke Rolle in dem Film noir „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“, und der wird ein Erfolg. Die Kritik lobt das Drama und feiert Kirks Darbietung, das Drehbuch erhält eine Oscar-Nominierung. Schon im darauffolgenden Jahr dreht Douglas einen seiner drei besten Filme, „Goldenes Gift“ (Out of the Past). An der Seite des lässigen Robert Mitchum zeigt sich deutlich, für welchen Schauspielertypus Douglas steht – und für seine gesamte Karriere stehen wird. Sein Spiel ist aggressiv. Mit spürbarer Körperlichkeit wirft er sich in seine Rollen, furchtlos provoziert er seine Kollegen, sich auf seine überpräsente, teils brutale Anwesenheit einzulassen – und ihm eine würdige Präsenz entgegen zu setzen. Selten verkörpert er sympathische Rollen. Sein Auftreten ist manipulativ, Zündstoff für wirkungsvolle Dramen. Kirk Douglas ist das Gegenteil angehimmelter Kings of Cool wie Humphrey Bogart, John Wayne oder Steve McQueen.

Robert Mitchum mag ihn nicht besonders, seinen forschen Jungkollegen, und auch Regisseur Jacques Tourneur zügelt sehr bald Douglas’ Versuche, Mitchum die Schau zu stehlen. Aufhalten können sie ihn beide nicht.

Rente mit 93

63 Jahre steht Kirk Douglas vor der Kamera, noch länger im Filmgeschäft, 73 Spielfilme dreht er in dieser langen Kinokarriere, die er doch erst im Alter von 30 Jahren begonnen hatte. Sein Œuvre ist beachtlich, miserable Filme macht er nie, selbst sein misslungenster, das lüstern konstruierte Melodram „Einmal ist nicht genug“ von 1975, erringt eine Oscar-Nominierung. Obwohl Douglas für ein traditionelles Kino mit überpotenten Männerrollen steht, vollendet er seine besten Filme erstaunlicherweise mit dem Regisseur, der wie wenige andere das klassische Kino demontiert: Stanley Kubrick. Sein „Spartacus“ (1960) wird die Rolle seines Lebens, sein Antikriegsdrama „Wege zum Ruhm“ (1957) sein herausragendster Film – beide setzen in ihren Genres den Höhe- und Schlusspunkt, ihr Stoff war mit ihnen filmisch unübertrefflich auserzählt.

Er ist auch im Leben ein harter Brocken, von seinem Schlaganfall im Jahr 1996 erholt er sich nahezu vollständig. 2004 tritt er das letzte Mal vor die Kamera und findet in der Parabel „Illusion“, die auf besondere Weise sein eigenes Leben mit Fiktion und Wirklichkeit verwebt, einen würdigen Abschluss seines Lebens in der Traumfabrik.

100 und kein bisschen leise

Für manche überraschend ist Douglas nicht nur ein politisch interessierter Mensch, der bis heute gelegentlich für die Huffington Post schreibt und sich für sozialen Fortschritt in den USA stark macht, sondern auch ein Mensch von untadeliger Moral und unbeugsamer Solidarität für zu Unrecht Verfolgte. Legendär ist sein Ungehorsam gegenüber McCarthys schwarzer Liste angeblicher Kommunisten, die keine offizielle Beschäftigung erhalten durften – Douglas verlangt, dass der angeschwärzte Drehbuchautor Dalton Trumbo trotzdem in „Spartacus“ gewürdigt wird. Es ist der Anfang vom Ende von McCarthys Liste.

Heute lebt Kirk Douglas mit seiner zweiten Frau, der 1919 in Hannover geborenen Anne Buydens, in Beverly Hills und nimmt Glückwünsche aus aller Welt entgegen. Sein Sohn Michael hat keine Zweifel, dass er auch seinen 101. Geburtstag wird feiern können. Wer ihm gratuliert, darf es auch auf Deutsch tun – er spricht es fließend. In diesem Sinne, Kirk Douglas, wenn Sie das hier lesen: Herzlichen Glückwunsch zu ihrem fantastischen Jubiläum und Danke für Ihre überwältigenden Dienste für den Film und darüber hinaus!

Kirk Douglas – seine 9 größten Filme

Goldenes Gift (Out of the Past), USA 1947, von Jacques Tourneur, mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas

Ein Brief an drei Frauen (A Letter to Three Wives), USA 1949, von Joseph L. Mankiewicz, mit Jeanne Crain, Linda Darnell, Ann Sothern, Kirk Douglas

Reporter des Satans (Ace in the Hole), USA 1951, von Billy Wilder, mit Kirk Douglas, Jan Sterling, Robert Arthur

Polizeirevier 21 (Detective Story), USA 1951, von William Wyler, mit Kirk Douglas, Eleanor Parker, William Bendix

Stadt der Illusionen (The Bad and the Beautiful), USA 1952, von Vincente Minnelli, mit Lana Turner, Kirk Douglas, Walter Pidgeon

Wege zum Ruhm (Paths of Glory), USA 1957, von Stanley Kubrick, mit Kirk Douglas, Ralph Meeker, Adolphe Menjou

Spartacus, USA 1960, von Stanley Kubrick, mit Kirk Douglas, Laurence Olivier, Jean Simmons

Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave), USA 1962, von David Miller, mit Kirk Douglas, Gina Rowlands, Walter Matthau

Sieben Tage im Mai (Seven Days in May), USA 1964, von John Frankenheimer, mit Burt Lancaster, Kirk Douglas, Frederic March