6 Gründe, warum ihr Kunstblut lieben müsst

Und einer, wofür ihr es hassen könnt

Man kann es freilich übertreiben: Für „Evil Dead“, das Remake des Horror-Klassikers „Tanz der Teufel“, flutete der uruguayische Regisseur Fede Alvarez den Drehort mit 265.000 Liter Kunstblut. Das entspricht viereinhalb Tanklastzügen – Rekord. Er vergoss es so exzessiv, dass er gezwungen war, das Filmskript eine Seite nach der anderen abzudrehen (was unüblich ist), weil es unmöglich gewesen wäre, die Sauerei zwischen den Szenen wieder sauber zu machen. Der Großteil des Blutes fließt in der Schlussszene, die Alvarez in 190.000 Liter Blut ertränkte. Nichtsdestotrotz ist ihm ein für das Splatter-Genre außerordentlich guter Film gelungen, was sich schon im Trailer andeutet (in dem kein Tropfen Blut fließt).

Weil heuer nicht mal mehr romantische Komödien ohne Blutvergießen auskommen, stimmen wir an dieser Stelle eine Ode an das rote Lebenssaft-Imitat an.

1. Kunstblut ist köstlich

Es gibt hunderte unterschiedliche Blutrezepte. Einige davon basieren auf zuckerhaltigen Sirups. Manche sind so köstlich, dass Schauspieler ins Schwärmen geraten. Elle Fanning sagte über ihr Blut in Nicolas Windig Refns neuem Film „The Neon Demon“: „Es ist sehr hustensaftig. Ich will es auf Pancakes schmieren.“

2. Kunstblut ist auswaschbar

Echtes Blut hat ein Image-Problem: es hinterlässt gruselige Flecken. Gutes Kunstblut dagegen hinterlässt höchstens gruselige Gedanken. Dennoch gilt die bekannte Wasch-Binsenweisheit: Vor Gebrauch an verdeckter Stelle auf Fleckenrückstände testen!

3. Kunstblut ist Vielfalt

Blut ist nicht gleich Blut, je nach Wundart, -ort und -quelle ändert es sein Aussehen und seine Viskosität (Fließfähigkeit). Kunstblutfabrikanten haben daher für jeden Einsatzzweck spezielle Kunstblutsorten entwickelt: Arterienblut (lebhaft rot), Venenblut (bläulich und schwer), Augenblut (nicht brennend), Krustenblut, Zauberblut (das erst durch Kontakt mit einer zweiten Flüssigkeit sichtbar wird), dünnes Blut, dickes, helles, dunkles, pulsierendes, tropfendes, quellendes, geronnenes … 30 Sorten gehören zum Standardsortiment eines Kunstblutkrämers. Die ungewöhnlichste Sorte ist zweifelsfrei das Treppenblut: Es fließt nicht nur anmutig Treppenstufen hinab, sondern – das war ausdrücklich vom Auftraggeber gewünscht – klingt dabei auch noch musikalisch schön.

4. Kunstblut ist ein Exportschlager aus Deutschland

Genauer: aus Berlin-Wedding. Dort produziert die freundliche Familie Langer schon seit 1945 jedweden Film- und Theaterbedarf an Schminke sowie künstlichem Blut, Sperma, Eiter, Kot, Erbrochenem, Nasenschleim, Gedärmapplikationen und sonstigem Uäääh. Ihre Firma Kryolan ist Weltmarktführer und beschäftigt 250 Menschen, darunter Chemiker und Mikrobiologen, um jeden noch so ungewöhnlichen Makeup- oder Spezialeffekte-Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Allen Produkten gemein ist: sie sind lebensmittelecht, können also verzehrt werden.

Jeder Makeup-Artist dieser Welt kennt Kryolan. Seit 1971 ist der Betrieb auch in Hollywood erste Adresse für Schönes und Ekliges. Kunstblut macht dabei nur drei Prozent des Firmenumsatzes aus. Auf die Idee, Schminke und Co. herzustellen, kam der heute 94-jährige Firmengründer Arnold Langer übrigens als Praktikant bei der Ufa-Babelsberg-Produktion „Frauen sind die besseren Diplomaten“ (1941).

5. Kunstblut ist Kunst, Küche und Geschichte

Die Mutter allen Kunstblutes ist das Grand Guignol, das „Große Kasperle“, benannt nach dem Pariser Boulevard-Horror-Puppentheater von 1897, wo es das erste Mal eingesetzt wurde. Aus Angst vor Ansteckungen – deren biologische Tatsache gerade erst entdeckt worden war und eine gewisse Hysterie auslöste – setzten die Theatermacher auf Kunst- statt Echtblut, mit einem einfachen Rezept: Glycerin und Karmin (Pulver der Cochinelleschildlaus); letzteres wird heute ersetzt durch Lebensmittelfarbe plus Maisstärke.

Das zweite „große“ Blutrezept war schlicht und einfach Schokoladensirup. Es wurde im Schwarzweißfilm nötig, weil normalfarbiges Blut auf dem Film zu hell und unecht wirkte.

Dritter Meilenstein in der Geschichte des Filmbluts war die Sorte Kensington Gore, entwickelt in den 1960er Jahren vom britischen Apotheker John Tinegate. (Der Name ist ein ironischer Bezug auf zwei schräg zulaufende Straßen am Kensington Gore vor der Londonder Royal Albert Hall. Sie erinnern in ihrem Verlauf an das Blut, das Christopher Lee von seinen Vampirzähnen bis zum Kinn lief – eine berühmte Szene in Terence Fishers „Dracula“ von 1958.) Das Rezept ist eine süße Weiterentwicklung, bestehend aus: zwei Teilen Zuckerrohrsirup, einem Teil Wasser, viel roter Lebensmittelfarbe, ganz wenig gelber und blauer Lebensmittelfarbe und einem kleinen bisschen Maisstärke. Um es wohlriechend zu machen, fügt man etwas Minzöl hinzu, bei Außendrehs Pfefferminzöl, um Insekten fern zu halten.

Das bis heute gültige Standardkunstblut wurde in den 1970er Jahren vom Makeup-Artist Dick Smith (Der Pate, Taxi Driver) erfunden. Dick Smith Blood trägt dem Umstand Rechnung, dass Kensington Gore im Film einfach zu rot aussah. Rezept: Maissirup, etwas Wasser, rote, gelbe und blaue Lebensmittelfarbe, milchfreier Kaffeeweißer, Lecithin, etwas Pfefferminzöl.

All diese Rezepte auf Zuckerbasis können keine hochspezialisierten Filmblute ersetzen und haben ihre Schwächen. So beklagte sich Sissy Spacek in Brian De Palmas „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ (1976), über und über mit Kunstblut begossen, dass sie sich wie ein kandierter Apfel fühlte, weil in der Nähe der Flammenkulisse der im Blut enthaltene Maissirup karamellisierte.

6. Kunstblut ist vegan, lecker und billig

Vorausgesetzt ihr kocht es selbst. Alles was ihr braucht, ist Wasser, Maisstärke, rote Lebensmittelfarbe und Kakao. Die Lady mit den grünen Haaren erklärt es euch Schritt für Schritt.

Bonus: Achtung! Kunstblut kann auch von Tieren stammen

Spezialisierte Industrieblute basieren überwiegend auf Gelatine. Was viele immer noch nicht wissen: Gelatine wird aus Knochen und Schlachtabfällen gewonnen und gilt als „billige“ Zutat mit zuverlässigen Eigenschaften. Wir finden: das muss nicht mehr sein.

Filmtipp

Der Visual-Effects-Künstler John H. Hess (Independance Day, Godzilla) hat eine äußert unterhaltsame Lehr-Doku über die Geschichte des Kunstbluts gedreht. Hier könnt ihr sie euch ansehen (21 Minuten, Englisch).