Woody Allen wird 80

Zu Ehren des Neurotikers Nr. 1

Unter “Berufsbezeichnung” kann Woody Allen in seinem Steckbrief schon eine lange Liste zu vorweisen: Der Amerikaner war schon Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur, Komiker, Autor und Jazzmusiker. In den 1950ern begann seine Karriere und sie erstreckte sich anschließend über mehr als ein halbes Jahrhundert.

Er ist ein jüdischer Regisseur, der an über 50 Filmen mitgewirkt hat. Er nennt 23 Oscar-Nominierungen und immerhin vier der Auszeichnungen sein Eigen. Sein Faible für die Psychoanalyse findet sich in jedem der Werke wieder, die er wie ein Uhrwerk jährlich in die Kinos bringt. Von Hollywood hält er nicht viel, da zieht er schon lieber Klarinette spielend durch New Yorker Clubs oder bereist potentielle Filmschauplätze in good old Europe. In seinen Vorspännen nutzt er schon seit Dekaden die immer gleiche weiße Schrift – Windsor Light Condensed – auf schwarzem Grund. Und wer jetzt immer noch nicht weiß, um wen es geht, dem sei noch gesagt, dass er außerdem die immer gleiche dicke schwarze Hornbrille trägt.

„Jeden Morgen schneide ich meine Banane in sieben Scheiben, bevor ich sie in mein Müsli tu’“

Woody Allen ist ein echtes Urgestein – und wie man es von den eingesessenen Charakteren der Filmgeschichte so kennt (siehe z.B. auch Terentino), zieht der Hipster der früheren Generation seine Art und Weise, Filme zu machen, konsequent durch.
Den Vorwurf, er habe im Grunde fünfzig Mal den selben Film gedreht, steht in der Luft und kann kaum belegt werden, da Woody Allen der einzige unter all den Filmemachern seiner und unserer Zeit ist, der es schafft, vom Kriminalfilm über Dramen bis hin zu Sommernachts-Sexkomödien, Mockumentaries und wirklich schwarzen Streifen einfach alle Genres zu beherrschen?!

“Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er auch einen Drink.”

Der New Yorker hat damals begonnen mit Klamauk anarchischster Sorte und avancierte vom semi-guten Gag-Schreiber – sein eigentliches Ziel war es, auf Stand-Up-Comedy-Bühnen seinen Erfolg zu erreichen – zum Drehbuchautor und schließlich zum Filmregisseur. In der Slapstick-Komödie “Bananas” nahm er die Kubakrise aufs Korn und in “Was Sie schon immer über Sex wissen wollten” persifilierte er die 50er Jahre mit diesem mehr oder weniger aufschlussreichem Aufklärungsfilm. Er setzte die ersten Meilensteine der Filmgeschichte in den 70ern und machte sich als Sarkast der Extraklasse einen Namen in Hollywood.

Irgendwann war aber auch für Woody Allen Schluss mit lustig – er wollte nicht mehr nur noch Komödien drehen: Was sich in “Die letzte Nacht des Boris Gruschenko” bereits ankündigte, nahm seinen Lauf in Serie. Woody allen brachte sogleich auch “Der Stadtneurotiker” auf die Leinwand und etablierte sich als ernst zu nehmender Regisseur und Drehbuchautor, der es versteht, das Leben an allen Enden anzupacken und dies in einem Film wiederzugeben.

“Wirklich innovativ ist man nur dann, wenn einmal etwas danebengegangen ist.”

Der “Stadtneurotiker” ist der wohl aussagekräftigste Film über Woody Allen, da es großteils sein Leben widerspiegelt – genau das wollte er: Die Menschen sollen ihn verstehen, warum er nicht nur noch Klamauk macht.
Die Rolle der Annie Hall wurde Diane Keaton, Allens früherer Freundin, unter den Arm geklemmt. Sie und ihr neurotischer Filmpartner Alvy Singer tun in “Der Stadtneurotiker” vor allem eins: reden, reden und nochmals reden. Mit sich, miteinander und direkt mit der Kamera. Das Drehbuch dazu nimmt sich keinen Film zum direkten Vorbild und ist unkonventioneller als je zuvor – es ist ein Dialog mit dem Publikum und Allens absoluter Durchstarter.

Diese Wandlung von Komik zu Ernst brachte jedoch nicht nur Beifall: Viele Zuschauer und Kritiker wünschten sich den unbeschwerten Clown zurück – Woody Allen machte aber auch darüber nur ungezogene Witze, ‘dass sein Publikum sich nicht aussuchen könne, was sich in seinem Kopf abspielt´ und dreht weiter Filme. Die einen lieben sie, die anderen verachten sie. “Aber nur, weil die Menschheit die Thematik nicht versteht. Dafür mach ich genau für diese Leute diese Drehbücher.”
Woody Allen kratzt das alles herzlich wenig. Er hat seinen Rhythmus gefunden. Pünktlich liefert er Jahr für Jahr einen neuen Film ab, und bei Feiern der Werke scheint er sich getrost auf seine Anhänger verlassen zu können. Allens Fans lieben die Filme, ihn und seine stumpfe, aber ausgekochte Art des Humors.

Auch, wenn Woody Allen, wie er selbst sagt, kein Fan von Händeschütteln und großer Geburtstagsgestik ist: Wir wünschen ihm alles Gute zum 80. und freuen uns auf den nächsten irreführenden Film mit einer geballten Prise schwarzem Humor!