Das ist sooo 70er!

8 Dinge, die für die 70er nicht typischer sein können

Spätestens mit dem Kinostart von „Star Wars VII“ am 17. Dezember weiß auch der entfernteste Winkel der Welt: die Seventies sind zurück. Denn „Star Wars“ ist DAS Filmvermächtnis jenes Jahrzehnts, in dem die westliche Nachkriegsblüte welk wurde und die Erdkugel in ihren nächsten Krisenmodus rollte (Ölknappheit, Umweltverschmutzung, Drogenkriminalität). Da kam so ein Sci-Fi-Spektakel gerade recht.

In der Mode erleben die 1970er längst ihre Wiedergeburt: Weite Hosensäume, bodenlange Röcke, briketthohe Schuhsohlen, rauschhafte Muster, ein Wall-halla von fließenden transparenten Stoffen – noch sind es nur junge Frauen, die sich dieser Verschwendung und Exzentrik hingeben … Aber ist das alles, was typisch Seventies war? Nö. Die 70er-Jahre-Highlight-Woche auf Kabel eins CLASSICS liefert Film für Film ultimative Siebziger-Kicks für Wohlfühl-Zeitreisende. Ich bereite euch schon mal drauf vor:

1. Endlich starke Frauen!

So 70er, weil … es starke Frauen zwar schon immer gab, aber noch nie so viele auf so breiter Front – die auch noch Heerscharen von Nachahmerinnen fanden.

Zudem gab es plötzlich nicht mehr nur weibliche Persönlichkeiten, die ihre Stärken mit aller Macht ausspielten (Lizenz zum Verführen), dahinter aber Männer die Strippen ziehen ließen; sondern zunehmend wurden Frauen ihr eigener Herr. Barbra Streisand ist so eine Ikone weiblicher Selbstbestimmung in allen Lebenslagen, künstlerisch wie privat – mit ein Grund, warum sie zur größten Unterhalterin der Gegenwart aufstieg.

„Funny Lady“ (1975) ist sicherlich kein Streifen, der als Seventies-Film verstanden wird – schließlich spielt er in den 1930er Jahren. Aber unter seiner dicken Schicht von Kostümen kocht bereits die Kraft einer Frau, die sich langfristig gegen Männer behauptet. Auch hinter den Kulissen: Ihre Rolle der Sängerin Fanny Brice war eine lästige Pflicht, die Streisand gar nicht erfüllen wollte. Produzent Ray Stark musste sie erst dazu verklagen, sie hatte vertragsgemäß noch einen Film mit ihm zu drehen. Da ist Nein sagen schon ein starkes Stück. Nach Ende der Dreharbeiten präsentierte sie ihm zickig einen Spiegel, auf den sie mit Lippenstift geschmiert hatte: „Paid in full“ – vollständig bezahlt.

2. Politik wird Privatkrieg

So 70er, weil… bis dahin die Menschen vor lauter Obrigkeitsdemut einfach nie die Schnauze voll genug hatten.

Auch zwei Weltkriege – Höllengeburten von Macht- und Massenwahn – änderten nichts am Menschen als Herdentier, das seinen Leithammeln oder seinem Schicksal gehorcht. Oder beiden. Aufbegehren, Revolution? Höchstens im Kollektiv. 1950er, 1960er … die Menschen saßen wieder brav vor ihren Rundfunkgeräten, während Politiker und Militärs weiter an der Zerstörung der Welt fuchtelten. Studentenunruhen? Widerstand, ja, aber eine Herde. Was, wenn Individuen ihren Gehorsam gegenüber Staat und Gesellschaft aufkündigen, ohne sich einer größeren Idee an den Hals zu werfen? Wenn immer mehr Einzelne nach ihren ganz persönlichen, nicht immer freundlichen Wertmaßstäben handeln und ihre persönlichen Frustrationen nach außen tragen? Massenhafte Individualisierung, vermengt mit psychischem Verfall, darauf war keiner vorbereitet. In den 70ern nahm sie in den Großstädten Fahrt auf.

Die mächtigste Symbolfigur des Halsvollhalunken, des rücksichtslosen Ausrastens und selbsternannten Aufräumens, das war zweifellos der New Yorker Taxifahrer Travis Bickle, verkörpert von Robert De Niro in „Taxi Driver“ (1976). Nix Disco! Das war die Vorglut von Punk. Das Bunte und Schillernde der 70er Jahre hatte auch eine Welt der Dunkelheit und Verrottung geboren – die Anti-Welt derer, die nicht zu Party, Peace und Porno-Glück eingeladen waren. Das (noch heldenhaft wirkende) Amoklaufen des Travis Bickle wurde 1981 böse Wirklichkeit: Der Attentäter des Anschlags auf Ronald Reagan hatte sich „Taxi Driver“ zum Vorbild genommen.

3. Verfall der Sitten

So 70er, weil … sich plötzlich jeder Freiheiten nahm, die in diesem Maß zuvor undenkbar waren.

Jack Claytons „Der große Gatsby“ von 1974 ist dafür ein interessantes Beispiel. Angetreten, um F. Scott Fitzgeralds Literaturklassiker von 1925 mit zeitgemäßen Mitteln zu verfilmen (nach der ersten noch erhaltenen Verfilmung von 1949), endete das Vorhaben fast in einem Fiasko. Zunächst musste der Drehbuchschreiber gefeuert werden, weil er den Börsenmakler Nick und seine Angebetete Jordan zu zwei Homosexuellen uminterpretierte. Der Geschasste war kein Geringerer als Truman Capote; Francis Ford Coppola sprang schließlich ein. Ein anderer fing erst gar nicht an: Robert Towne schlug 175.000 Dollar Gage für das Drehbuch in den Wind mit den Worten: „I didn’t want to be the unknown Hollywood screenwriter who fucked up a literary classic.“ Statt dessen schrieb er „Chinatown“ für Roman Polanski – wofür er einen Oscar gewann.

Auch die Besetzung der Rollen erwies sich als Tollhaus. Für Jay Gatsby sagten ab: Marlon Brando (fand die Gage zu mickrig), Jack Nicholson (fand die Besetzung für Daisy oll), Steve McQueen (war mit der Besetzung für Daisy durchgebrannt) und Warren Beatty (wollte selbst Regie führen und Robert Evans, Chef von Paramount Pictures, den Gatsby spielen lassen). Am Ende übernahm Robert Redford. Die Rolle von Gatsbys großer Liebe Daisy Buchanan lehnten auch mehrere ab: Natalie Wood (… denn sie wissen nicht, was sie tun, West Side Story) hatte keinen Bock auf einen Test-Dreh, ebenso wenig wie Cybill Shepherd (Die letzte Vorstellung, Taxi Driver) und Tuesday Weld (Der Engel mit der Mörderhand). Ali McGraw war die Rolle bereits sicher, als ihr Gatte Robert Evans die Filmrechte an „Der große Gatsby“ erworben hatte – bis sie nach den Drehs zu „Getaway“ (1972) mit Steve McQueen durchbrannte. Ach ja, Liza Minnelli sagte auch ab. Mia Farrow übernahm. Am Ende ist der Film knapp an einem Debakel vorbeigeschrammt und gewann sogar noch 2 Oscars. Ihn vor dem Hintergrund dieses Geweses anzuschauen, bereitet köstliches Vergnügen.

4. Das Zerbröckeln der Familie

So 70er, weil … mit dem allmählichen Verschwimmen männlicher und weiblicher Rollenbilder und der Ökonomisierung der Lebensläufe auch eine Ära begann, in der alte Familienmuster zerbrachen und ein kaum bekanntes Problem auftauchte: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Das Brennglas dieser Entwicklung liefert einer der bis heute erstaunlichsten Filme: „*Kramer gegen Kramer*“ mit Dustin Hoffman und Meryl Streep ist ein dicht erzähltes, atemberaubend gespieltes Familien- und Scheidungsdrama, in dem sich ein ganzes Jahrzehnt mit aller Wucht und Konsequenz im Privaten niederschlägt. Neue Freiheiten bedeuteten neue Unsicherheiten, Brüche drangen in Durchschnittsfamilien ein, Themen fingen Feuer, die einen gesellschaftlichen Wandel einleiteten: erziehende Väter, Karriere versus Kind, steigende Scheidungsraten, Kampf um Sorgerechte. Der Film wurde 1979 zum größten Hit an den Kinokassen und gewann anschließend 5 Oscars (eine Seltenheit – größter Umsatz und höchste Oscar-Ehren gab es erst 1997 wieder, für „Titanic“). Um zu begreifen, wie dringlich „Kramer gegen Kramer“ die seelische Not Erwachsener am Ende jenes kunterbunten Krisen-Jahrzehnts verhandelte, genügt ein Blick in die Reihe der erfolgreichsten Filme in den Jahren davor (Der Weiße Hai, Rocky, Star Wars IV, Grease) und danach (Star Wars V, Indiana Jones, E.T., Star Wars VI): Inmitten dieser Effekte-, Helden- und Spaß-Blockbuster brach ein geradlinig inszeniertes Scheidungsdrama alle Rekorde. Volles 70er-Jahre-New-York-Flair inklusive. Ansehen und staunen!

5. Katastrophenlust und Terror

So 70er, weil … echter Schrecken und wohliges Schaudern damals eng beieinander lagen.

1970 begann mit „Airport“ das goldene Zeitalter der Katastrophenfilme, in dessen Verlauf einige bemerkenswerte Werke dieses Genres entstanden. Leider auch viele katastrophale – im doppelten Sinn –, was letztlich dazu beitrug, dass der gepflegte Katastrophenfilm (der sich vor allem für Menschen und Charaktere interessierte) in Verruf geriet. Zeitgleich sah sich die Welt einem neuen realen Schrecken gegenüber: dem Aufblühen des internationalen Terrorismus.

Der Thriller „Schwarzer Sonntag“ (1977) verquickte beide Phänomene zu einem der besten Filme der disaster movies. Der darin verübte Bombenanschlag mit einem Zeppelin auf den Superbowl hatte einen erschreckend brisanten Hintergrund: Die Täter gehörten einer palästinensischen Terrorzelle an, genau wie beim Anschlag auf die Münchner Olympiade 1974 oder bei der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu – sieben Monate nach der Premiere von „Schwarzer Sonntag“. Der Palästina-Konflikt hat bis heute nicht an Brisanz verloren.

Ein Katastrophenfilm anderer Art war „Das China-Syndrom“ von 1979. Statt eines Anschlags stand ein Reaktorunfall in einem Kernkraftwerk im Mittelpunkt – und wie die Verantwortlichen die Wahrheit vertuschen wollten. Kennen wir? Kennen wir. 1979 stand die Atomenergie auf ihrem Scheitelpunkt. Ihr Versprechen, alle Energieprobleme billig zu lösen, bekam immer mehr Risse, hierzulande war die Anti-Atomkraftbewegung schon ab 1975 nicht mehr aufzuhalten; aus ihr erwuchs immerhin die Partei der Grünen.
In dem rasanten und exzellent gespielten „Das China-Syndrom“ geht es am Ende glimpflich aus. Im echten Leben, beim nahezu gleichen Störfall in Three Mile Island bei Harrisburg, nur 12 Tage nach Kinostart, nicht: in einem der zwei Reaktorblöcke kam es zur Kernschmelze, weite Teile des Gebiets wurden radioaktiv verseucht. Block 2 konnte nie wieder in Betrieb gehen, wird noch immer rückgebaut, Block 1 erzeugt bis heute Strom – obwohl es erst vor wenigen Tagen dort brannte. Und wie immer grüßt das Murmeltier: „no danger to public“ …

6. Softerotik

So 70er, weil … ein so unbeholfener experimenteller Umgang mit offener Sexualität in keinem anderen Jahrzehnt denkbar war.

Machen wir’s kurz: Die Geschichte des erotischen Films ist eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten, merkwürdigen Fantasien und vermeintlicher Tabubrüche – auf jeden Fall ist sie fast ausnahmslos ein männlicher Blick auf die Frau als Objekt. Dieses Thema ist recht schnell erschöpft, deshalb wirken alle Bemühungen, ihm Neues abzugewinnen, seltsam skurril. Dass der Markt für Erotikfilme von soft bis hard schon in den 70ern eine mehr als gewichtige Rolle in der Filmwirtschaft spielte, ist unstrittig. Er war ein Selbstläufer. Entsprechend wenig Mühe mussten sich die Filmemacher geben. Wer es ertragen kann, dass nahezu alle Filme des Genres mehr oder weniger reine Männerfantasien waren (bei aller Glorifizierung ihrer Körper und Verführungskünste), der bekommt besonders mit den Erotikfilmen der 70er Jahre amüsante Einführungen in die schönste und schlimmste Ästhetik der Seventies. Nur das mit der freien Liebe – das blieb ein Traum.

7. Eine neue Art Humor

So 70er, weil … sich der Humor auf einmal vollkommen änderte.

Das Prinzip anything goes versetzte dem braven bürgerlichen Witz, der feinen Satire, dem zynischen Gangsterhumor und dem frivolen Schwank einen schweren Schlag. Plötzlich konnten Menschen im Kino sonderbare, überdrehte, fast krawallige Spaßstreifen erleben, die sinnfreie Gags und physikalisch Unmögliches in grotesker Weise aneinander reihten und dabei erstaunlich harmlos wirkten. Es waren comichafte Parodien, die ernste Angelegenheiten (Krieg, Spionage, Sicherheit) der Lächerlichkeit preisgaben.

Wenig bekannt ist, dass ausgerechnet Steven Spielberg eine solche Klamotte drehte und dieser Art Filmparodie sogar den Boden mitbereitete: „1941 – Wo, bitte, geht’s nach Hollywood?“ (1979) war der Auftakt zu einer Reihe ähnlicher Klamaukfilme, die ab 1980 richtig in Mode kamen (Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, Top Secret!, Die nackte Kanone). In den besten Momenten erinnert Spielbergs hysterisches Schauspiel um einen Angriff Japans auf Kalifornien an den schwarzen Humor der britischen Monty Pythons. Die waren allerdings einige Jahre schneller – und viele Grade origineller. Nichtsdestotrotz ist „1941“ ein grandioses Vergnügen, dessen Feuerwerk flacher Witze mit enormem Aufwand in höchster Qualität inszeniert wurde.

In diesen Zusammenhang passt auch die wunderbare Persiflage „Eine Leiche zum Dessert“ (1976) von Robert Moore. Auch hier treffen skurriler Humor und seltsame Figuren zu einem köstlichen Verwirrspiel zusammen, das keinen tieferen Sinn ergibt, außer dass sich der Film lustig macht über immer kompliziertere Krimis, die mit immer billigeren Tricks ihre Leser an der Nase herumführen. In der Kategorie Humor ein unbedingtes Must-See der 70er! Sein brillanter Cast läuft zur genussreichen Hochform auf: Alec Guinnes, Truman Capote, Peter Falk, Peter Sellers, David Niven, Maggie Smitth … kurz: ein Fest!

8. Weltraummüdigkeit und Verschwörungstheorien

So 70er, weil … die große Weltraum-Euphorie der 60er-Jahre (Apollo-Flüge, Mondlandung) verflogen war und Verschwörungen als neuer heißer Scheiß galten.

Die nächste technische Entwicklung begeisterte erst in den 80ern wieder (Raumfähre Columbia), die Welt nahm ein Jahrzehnt Pause vom realen All und flüchtete entweder in Weltraumfantasien (Star Wars, Buck Rogers, Raumschiff Enterprise) oder in Verschwörungen aller Art – Watergate sei dank (Die drei Tage des Condor, Die Unbestechlichen, Der Dialog). Eine ganz entzückende Kombi aus Weltraumfantasie und Verschwörung bot „Unternehmen Capricorn“ aus dem Jahr 1978, das der NASA eine Marsmission andichtete, die nicht stattfinden konnte, aber aus gewissen Gründen dennoch der Öffentlichkeit vorgegaukelt wurde. In den 70ern konnte und durfte man noch so naiv sein, dass eine derartige Techniktäuschung durchaus im Bereich des Möglichen lag. Heutzutage … Naja, aber das mit den Chemtrails ist wahr. Ganz bestimmt.