75 Jahre Brian De Palma

Happy Birthday, Master of Suspense, Junior!

Die einen verzogen die Augenbrauen, andere schnalzten mit der Zunge, wenn in den 80er-Jahren sein Name erklang: BRIAN DE PALMA. Nostalgiker verspotteten ihn als Hitchcock für Arme. Modernisten verehrten ihn für seine außergewöhnliche Art, Thriller zu drehen. Denn De Palma tat das wie kein Zweiter: Er designte seine Filme wie eine Parade greller Plakate, und sie kreisten immer um zwei Motive: Besessenheit und den allseitigen Horror in Momenten zügelloser Brutalität. Am 11. September 2015 feiert der Regisseur seinen 75. Geburtstag.
Wir feiern ihn. Und freuen uns auf seine kommenden Filme.

Er schrieb Filmgeschichte von der College-Bank weg

Brian De Palma war ein klassischer Filmstudent. Das ist eigentlich einer, der viel Geld verfeuert, aber keine gescheite Karriere auf die Kette kriegt. Als Sohn eines Chirurgen aus Newark, New Jersey, konnte er sich das Studium am renommierten Sarah Lawrence College leisten, einer Hochschule der freien Künste. So frei, dass ein Professor mit ihm und einem weiteren Studenten einen Spielfilm als Abschlussarbeit drehte, als gleichberechtigte Regisseure, Drehbuchschreiber und Produzenten. Läppische 43.000 Dollar wurden dafür auf den Kopf gehauen. 1963 ein ganz schönes Sümmchen für einen Studentenfilm. Die müde Komödie namens „The Wedding Party“ wäre nicht der Rede wert – wenn, ja wenn da nicht ein kleines Detail wäre: Es war der allererste Spielfilm mit Robert De Niro. Brian De Palma hat im Alter von 23 Jahren mit seinem Studi-Streifen mal eben einen der größten Schauspieler der Gegenwart entdeckt. Der Film erschien erst 1969, doch De Palmas eigentliches Kino-Debüt – „Greetings – Grüße“ (1968) – hatte ebenfalls Robert De Niro in der Hauptrolle; und war zugleich der erste Film der USA, der ein X-Rating erhielt: jugendgefährdend!

Sie nannten ihn „Hitchcock Hack“

Immerhin, das X wurde ihm nie vorgeworfen. Stattdessen: De Palma sei ein bloßer Hitchcock-Nachahmer, ein zweitklassiger Kopierer seiner Methoden. Der zweite große Vorwurf: Das Kino von De Palma sei selbstverliebtes Blendwerk, das nur so strotze vor akademisch aufdringlicher Suhlerei in filmischen Kompositionstechniken.

Tatsächlich betreibt De Palma diese vermeintliche Angeberei in allen seinen Filmen. Rastlos setzt er cineastisches Handwerk wie aus dem Lehrbuch ein. Aufmerksamen Filmschülern wird da schon mal schwindlig: immer wieder Split-Screens, ewige Kamerafahrten, verschachtelte Parallelschnitte, Spiel mit der Tiefenschärfe, Verzicht auf Weitwinkelobjektive und Zooms in Spannungsszenen (so dass Zuschauer glauben, selbst an der Szene teilzunehmen), extreme Reduktion des Bildinhalts (dafür aber seltsame Geräusche aus dem Off), nicht zu vergessen ein fast schon erotisches Verhältnis zu dramatischer Architektur. Mit drei Worten: Stil vor Substanz.
Mag sein. Doch wir lieben es. Und es heißt ja: Stil vor Substanz, nicht ohne.

Ein Visionär hat viele Nörgler

Es sind nicht die Erbsenzähler, die Kino zur Traumfabrik machen, sondern die Visionäre. Sie bieten ihrer Gegenwart eine Schule des Sehens an. De Palma ist immer ein solcher Visionär gewesen und er hat stets betont, dass Hitchcock sein größter Lehrmeister ist: „Er ist der Eine, der die Essenz des Films destillierte. Er ist wie Webster (Anm.: in Deutschland vergleichbar mit Duden). Es ist alles da. Ich habe viel von seiner Grammatik benutzt.“

Und mit dieser Grammatik hat er einige der bemerkenswertesten Filme der letzten vierzig Jahre geformt. Allen voran: „*Scarface*“, sein hochkontroverses Meisterwerk von 1983, in dem Al Pacino den Aufstieg des kubanischen Drogenbosses Tony Montana spielt. Nein, nicht spielt, sondern in totaler Gereiztheit aus sich heraus ekelt. Der Film – ein Remake des gleichnamigen Dramas von Howard Hawks von 1932 – wurde von der Kritik zerfetzt wie Montanas Villa von Maschinengewehren. Und De Palma wurde dafür als schlechtester Regisseur für einen Razzie Award nominiert. Das ist diese golden besprühte Plastikhimbeere auf Super-8-Rolle, die seit 1981 für die schlechtesten Filme des Jahres vergeben wird – ein Tag vor den Oscars. Brian De Palma wurde übrigens fünfmal für diese Himbeere nominiert, häufiger als jeder andere seines Fachs.

Viel Feind, viel Ehr. „Scarface“ steht heute auf einer Stufe mit Coppolas „Paten“, er hat nur ein anderes Publikum. Eines, das jene Leidenschaft des Regisseurs teilt, die ihm Kritiker als Effekthascherei vorwerfen: De Palma hat ein wachsam geduldiges Auge für orgiastische Gewalt. In der Originalfassung stand der Gangster-Klassiker in den meisten Ländern 28 Jahre (!) auf dem Index, eine Videospielversion wurde noch 2006 in Deutschland polizeilich beschlagnahmt. 2011 kam die Freigabe – bei uns als FSK 18.

Filme für die Ewigkeit

In seinen zwei anderen großen Meisterwerken erscheint die Gewalt weniger explizit, und doch genauso plakativ – wie es sich für einen De Palma gehört: „*Die Unbestechlichen*“ (1987) ist ein atemberaubend bildstarker, fast Comic-haft stilisierter Polizeifilm, in dem Kevin Costner, Sean Connery und Andy Garcia Jagd auf Al Capone (Robert De Niro) machen; De Palmas einziger Film, der einen Oscar-Gewinner hervorbrachte (Sean Connery als Bester Nebendarsteller). Und im superben Gangster-Thriller „*Carlito’s Way*“ (1993) liefern sich Al Pacino als friedwilliger Ex-Knacki und Sean Penn als kokainzittriger Eintreiber eines der Schauspiel-Duelle der 90er-Jahre.

Schließlich war da noch – scheinbar unpassend in De Palmas Reihe von Knapp-am-Horror-vorbei-Thrillern – sein kommerziell erfolgreichster Film, der erste Teil der „*Mission: Impossible*“-Reihe (1996). Doch wer sich den Streifen heute ansieht und mit Action-Ware aus dem gleichen Regal vergleicht, erlebt diesen herausragenden Auftakt als einen Suspense-Thriller erster Güte, mit einem diabolischen Jon Voight als Mit- und Gegenspieler von Tom Cruise. Die Schauplätze, die Ausleuchtung, die ausdrucksstarke Überzeichnung der Charaktere – ein klassischer De Palma!

Nicht jeder De Palma trägt Früchte

M:I war sein letzter großer Wurf. Die Schwächen in seinen sechs Filmen danach waren unübersehbar, meist jedoch den Drehbüchern anzulasten (die er mit Ausnahme des halb-esoterischen Einlull-Abenteuers „Mission To Mars“ alle selbst schrieb). Doch Brian De Palma ist ein kluger, realistischer Mann. Er kann Fehler eingestehen. Wie seinerzeit bei „*Fegefeuer der Eitelkeiten*“ (1990). Er wollte diesen vielleicht besten Roman der 80er-Jahre (von Tom Wolfe) über Dekadenz und Rassismus einer materialistischen Gesellschaft auf die Leinwand übersetzen. Am Ende wussten alle Beteiligten, dass der Versuch gescheitert war – falscher Hauptdarsteller, saubermoralisches Ende und ein Spiegel, in den das Amerika jener Jahre nicht sehen wollte. De Palma verteidigt sich: Er hatte zu entscheiden, ob er es wagen will, und er entschied es. Welcher Regisseur ist noch nie gescheitert?

75 und noch im Saft

Egal aus welcher Perspektive man ihn sieht, Brian De Palma hat seinen Platz in der Filmgeschichte gefunden. Seine Streifzüge durch die amerikanische Geschichte sind satirische, fast zynische Bilderspektakel, die mit den Augen eines Voyeurs in den Besessenheiten einer sozial und ideologisch gespaltenen Nation wühlen. Danke dafür!

Danke auch für die Entdeckung von Robert De Niro und seine Weiterempfehlung an Martin Scorsese (wofür der sich im Abspann von „Hexenkessel“ 1973 artig bedankte). Danke, dass du uns bis heute Audio-Kommentare auf DVDs erspart hast. Danke für diesen Satz: „Ich mag kein Gerede. Gespräche sind langweilig für mich. […] Ich habe diese Abschnitte, wo sie notwendig sind, aber ich strukturiere sicherlich nicht meine Filme um sie herum.“ Nein, geschwätzig sind De Palmas Filme nie. Danke, dass du George Lucas geholfen hast, seine Star-Wars-Eröffnungssequenz zu vollenden.
Und danke, dass du uns Hoffnung auf drei weitere hochkarätige Filme machst. Zweimal mit Al Pacino in der Hauptrolle? Yeah! Auf eine attraktive “Émile Zola”-Verfilmung freuen wir uns ebenso.

Dein Jubiläum werden alle feiern, die immer schon die Meisterhaftigkeit deiner Werke liebten. Und gewiss auch dein Patenkind. Wie hieß es doch gleich? … Ach, genau, Steven Spielberg.

Wir sagen:
Alles Gute zum 75., Brian!


PS: Zwei Tage vor seinem Geburtstag hat Brian De Palma im Rahmen der 72. Filmfestspiele von Venedig den “Glory to the Filmmaker”-Award für sein Lebenswerk erhalten. Dort hat auch die Uraufführung des Dokumentarfilms „De Palma“ von Noah Baumbach und und Jake Paltrow stattgefunden, die den Regisseur über zehn Jahre begleitet haben. Ein Gespräch zwischen Palma und Baumbach ist hier als Podcast zu hören (ab Minute 31:54).