Alfred Hitchcock - Vorbild der Neuzeit!

Diese 4 Charakterzüge kann sich euer Nachwuchs abgucken

Über keinen Regisseur ist so viel geschrieben worden, sind so viele Bücher veröffentlicht worden wie über Alfred Hitchcock. Warum? Weil seine Methoden und seine Haltung bis heute noch immer modern sind. Wir sind uns sicher: Hitchcock, der vor 35 Jahren starb, wäre auch heute noch erfolgreich. Zeit, sich neben seinen Filmen auch mit seinen Methoden die Akkus wieder aufzuladen.

Dieser Tage macht ein deutscher Film weltweit Furore. Sebastian Schippers „Victoria“ gilt als Geniestück des Filmhandwerks – 140 Minuten temporeiches Drama, aufgenommen in einem einzigen Take! Kein Schnitt hat ihn gestaucht – das Geschehen auf der Leinwand erfolgt in Echtzeit, es gibt keine Zeitsprünge.

Schippers Idee indes führt zurück zu „Cocktail für eine Leiche“, Hitchcocks erstem Farbfilm. Er erschien 1948. Seine Verfilmung eines Bühnenstücks war der erste Spielfilm in Echtzeit. Ganz ohne Schnitt konnte Hitchcock noch nicht drehen, die Zelluloid-Filmrollen waren maximal zehn Minuten lang. „Cocktail für eine Leiche“ besteht jedoch aus nur 10 Einstellungen, und Filmstudenten werden bis heute daran geschult: An welcher Stelle sind die Schnitte erfolgt? Und das ist längst nicht das einzige, was man sich von Hitchcock abgucken kann.


#1. Er kämpfte sich nach oben und gewann

Alfred Joseph Hitchcock, Sohn eines erzkatholischen englisch-irischen Gemüsehändlers, stieß als Autodidakt zum Film. Aus der Werbeabteilung eines Kabelherstellers kommend, begann er 1920 in einem neu eröffneten Paramount-Filmstudio als Titelzeichner. Er verdingte sich obendrein als Kostüm- und Set-Designer und fiel durch schlaue Drehbuchanpassungen auf.

Nur zwei Jahre später wurde er in den Regiestuhl beordert, weil der Produzent den ursprünglichen Regisseur gefeuert hatte. „Always Tell Your Wife“, so hieß dieses erste Halbwerk Hitchcocks, ist heute jedoch zur Hälfte verschollen.

Hitchcocks erste eigenständige Regiearbeit „Number 13“ (offiziell: „Mrs. Peabody“) blieb ebenfalls unvollendet und ist heute unauffindbar. Erst Hitchcocks dritte Regie schaffte die Vollendung: „Irrgarten der Leidenschaft“ von 1925 war eine britisch-deutsche Koproduktion. Doch selbst die erschien in England erst, nachdem Hitchcock zwei Jahre später seinen ersten Hit landete: „Der Mieter“ war Hitchcocks fünfter Film und zugleich sein erster Suspense-Thriller – damit hatte er sein Markenzeichen gefunden, den Kern seines Lebenswerks schlechthin, das 1960 mit „Psycho“ seinen künstlerischen Höhepunkt finden sollte.

#2. Er überwand Grenzen

Seine Funktion als Produktionsleiter führte Hitchcock schon 1924 nach Deutschland. Die Reise hinterließ Spuren. In Babelsberg, den seinerzeit modernsten Filmstudios der Welt, konnte er Meister wie Friedrich Wilhelm Murnau beim Dreh beobachten und ließ sich von deren Techniken beeindrucken. Er kam noch einige Male und lernte fließend Deutsch zu sprechen – etwas, womit sich heutige Arbeitsnomaden aus dem angelsächsischen Raum hierzulande schwer tun.

Alfred Hitchcock hatte alles, was heutige Karriereberater jungen Menschen raten: Das Wissen um eigene Stärken, eine Berufswahl des Herzens, interkulturelle Kompetenz und die Lust, die Welt kennenzulernen.

Der ehemals unbeliebte dicke Junge aus Leytonstone reifte zu einem selbstbewussten dicken Mann heran, der das Filmhandwerk und das Filmgeschäft bald aus dem Effeff beherrschte. Er hatte den Trumpf, den alle Generalisten haben: Sie verstehen von jedem Gewerk genug, um die Kontrolle über das Ganze zu bewahren und sich gleichzeitig gegen notorische Besserwisser durchzusetzen. Hitchcock war aber auch diplomatisch genug, um Kompromisse einzugehen, wo sie ihm nützten. Ob mit Studiobossen, Drehbuchautoren, Cuttern oder Schauspielern, Hitchcock beendete eine Zusammenarbeit, wenn sie nicht nach seinen Vorstellungen lief, doch er hinterließ nie verbrannte Erde.


#3. Er untergrub gewitzt Autoritäten

Seine Art, sich aus gemeinsamen Projekten zu verabschieden, war so kreativ wie sein Handwerk. So verabschiedete er sich aus seinem Vertrag mit British International Pictures – kurze Zeit, nachdem er zu einem in England gefeierten Regiestar geworden war – auf äußerst unkonventionelle Weise: Als das Studio ihm den Thriller „Nummer siebzehn“ aufzwang, „sabotierte“ Hitchcock die Arbeit, indem er das Drehbuch zu einer grotesken Parodie uminterpretierte.

Ein Genie-Streich: Einerseits konnte das Studio zufrieden sein, weil der Film Anklang fand, andererseits machte Hitchcock deutlich, dass es eine waghalsige Idee ist, ihm in seiner künstlerischen Freiheit Vorschriften machen zu wollen. Gleichzeitig hatte er die Gelegenheit für ein Experiment genutzt: Die Verbindung von Thriller und Humor wurde ein weiteres Markenzeichen Hitchcocks. Kaum einer seiner Filme kam ohne wenigstens eine schräge Comedy-Szene aus (man denke nur an die Sperlingspapageien in „Die Vögel“, die sich bei einer Autofahrt im Fußraum in ihrem Käfig steil in die Kurven legen).

Hitchcock beherrschte sein Handwerk so gut, dass er zeitlebens allen Klugscheißern – und von denen gibt es in dieser Branche bis heute mehr als genug – auf höchst unterhaltsame Weise auf der Nase herumtanzen konnte. Auch sein Umgang mit gesetzlichen Drehvorschriften war so entlarvend wie schöpferisch: Der sogenannte Hays-Code, eine US-Richtlinie zur moralisch einwandfreien Darstellung gewisser Inhalte, verbot von 1934 bis 1967 das Zeigen von Toiletten.

Dennoch konnte Hitchcock in „Psycho“ (1960) das erste Klo im amerikanischen Film zeigen, und ein spülendes obendrein! Wie das? Indem er es seiner eigentlichen Funktion entzog und in einen Verständniszusammenhang zwang: ein Beweismittel wurde darin hinuntergespült – dies wiederum musste dem Zuschauer erklärt werden. Und wie konnte er in Zeiten, in denen Leinwandküsse nicht länger als drei Sekunden dauern durften, einen expliziten Sexualakt zeigen? Indem das Paar in einem Schlafwagen unterwegs ist, sich küsst und der Zug in der nächsten Szene in einen Tunnel einfährt. So zu sehen in „Der unsichtbare Dritte“ (1959) – eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte.


#4. Er stürzte sich in den Strom der Zeit

Auch in Zeiten von Twitter und Instagram wäre Hitchcock bestens aufgestellt gewesen. Er war nicht nur ein Meister der mitfiebernden Spannung, sondern auch der Selbstvermarktung. Seit er mit „Erpressung“ in England zum Regiestar avancierte, nutzte er seine Popularität, um seine Filme und seine Person voranzubringen.

Er gründete sogar eine eigene Gesellschaft, die seine Person vermarktete, die Hitchcock Baker Productions Ltd. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Hitchcock auch neue Technologien mit offenen Armen begrüßte, sofern sie einen Nutzen versprachen.

Während die Ankunft des Tonfilms Ende der 1920er Jahre für die meisten Filmgrößen eine tödliche Zäsur bedeutete, allen voran für Schauspieler und Regisseure, fügte Hitchcock die neue Technik geschmeidig in sein Werk. „Erpressung“ hatte er 1929 noch als Stummfilm gedreht, doch er ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, einige Szenen nachzudrehen und mit Toneffekten zu versehen. Technikfeindlichkeit sieht anders aus. Hitchcock hätte mit Sicherheit auch den Wandel ins digitale Zeitalter überstanden, nein, mitgestaltet.

Bis heute ist Alfred Hitchcock eine Wundertüte der Filmgeschichte, sein Schaffen ein Füllhorn voller Aberwitzigkeiten, Vielfalt und Lehrstücke. Das Beste, was uns Hitchcocks Lebenswerk lehrt und niemals an Gültigkeit verlieren wird: Man kann allem gegenüber aufgeschlossen bleiben, stets Neues ausprobieren und sich trotzdem treu bleiben. In diesem Sinne ist Alfred Hitchcock ein Meister der Zeitlosigkeit.



Sir Alfred Joseph Hitchcock auf Kabel eins CLASSICS

Im Schatten des Zweifels (Shadow of a Doubt)
USA 1943, mit Teresa Wright, Jospeh Cotten, Macdonald Carey
02. August, 22:20 Uhr
23. August, 20:15 Uhr

Cocktail für eine Leiche (Rope)
USA 1948, mit James Stewart, John Dall, Farley Granger
16. August, 20:15 Uhr
30. August, 21:55 Uhr

Immer Ärger mit Harry (The Trouble with Harry)
USA 1955, mit John Forsythe, Shirley MacLaine, Edmund Gwenn
09. August, 22:10 Uhr
30. August, 20:15 Uhr

Die Vögel (The Birds)
USA 1963, mit Rod Taylor, Tippi Hedren, Suzanne Pleshette
09. August, 20:15 Uhr
23. August, 22:00 Uhr

Topas (Topaz)
USA 1969, mit Frederick Stafford, Dany Robin, John Vernon
02. August, 20:15 Uhr
16. August, 21:35 Uhr