Kino ist ein Gott aus Frankreich

5 ½ Gründe, sich wieder voll in französische Filme zu stürzen

Frankreich ist die Wiege unserer großen Liebe, des Films. Sobald sich das Jahr 2015 dem Ende neigt, wird das Kino dort seinen 120. Geburtstag feiern: Am 28. Dezember 1895 zeigten die Brüder Louis und Auguste Lumière zum ersten Mal vor einem öffentlichen Publikum bewegte Bilder. Auch wenn das angelsächsische Kino schon lange die Welt dominiert – das Laufen gelernt haben die Bilder bei unseren Nachbarn.
Jeder von uns verbindet „französisches Kino“ mit etwas Bestimmtem, Einzigartigem, Besonderem. Mit Poesie, Philosophie, Humor und Erotik, mit Liebe, leben und leben lassen. Alors … woher kommt es, dass französische Filme bei uns unter der Haut prickeln wie Schampus?

#1 Weil sie immer sexy sind, von jung bis alt, von lustig bis böse, von Stein bis Fleisch.

Natürlich kennen sich Franzosen mit der Liebe aus. Und sie feiern die Erotik als unverzichtbaren Bestandteil des Alltags. Romantische und andere Beziehungsfilme aus Frankreich knistern förmlich im Dauerzustand der Erregung. Aber das ist es nicht alleine. Regisseure, Kameraleute und Drehbuchschreiber tasten die Personen und Gegenstände ihrer Werke gleichermaßen zärtlich ab, sie begehren die Regungen und die Bedeutungen, mit denen Dinge aufgeladen sind – seien es Möbel, Autos oder Pflastersteine. Was anderswo „Ausstattung“ ist, in Frankreich wird es zu einem Kabinett von Anziehung und Verführung.

#2 Weil sie nie aufhören zu experimentieren – und trotzdem immer an den Zuschauer denken.

In Frankreich wurde nicht nur das Kino erfunden, sondern auch das filmische Erzählen. Die Brüder Lumière wussten mit ihrer Erfindung noch nicht wirklich viel anzufangen (tatsächlich sagte Louis Lumière einst, das Kino sei eine Erfindung ohne Zukunft. Oops.)
Ganz anders Charles Pathé und Léon Gaumont, sie gründeten eine Filmproduktion mit dem Ziel, den Menschen Appetit auf Filme zu machen. Pathé ist bis heute das bedeutendste Filmstudio Frankreichs. Und wie es der Zufall will, entpuppte sich Gaumonts Sekretärin Alice Guy-Blaché als filmisches Naturtalent und realisierte von 1896 bis 1920 sage und schreibe 430 Kurzgeschichten. Sie war nicht nur die erste Regisseurin der Welt, sondern die erste überhaupt, die mit bewegten Bildern erzählte. Das Versuchen und Forschen, im Kino neue Erzählstrukturen und eine neue Ästhetik des Sehens zu erschaffen, hörte danach nie auf im Land der Revolution.
In Frankreich entstand der erste Science-Fiction-Film („Die Reise zum Mond“) und es gab die ersten Versuche, den Surrealismus in bewegte Bilder zu übersetzen („Der andalusische Hund“, „Belle de Jour“). Und das Publikum ging stets mit, wenn es Experimente zu bestaunen gab. Ein Grund: Der (Kino-) Film genießt in Frankreich jeher den Status von Hochkultur – und somit besonderen Schutz. Für ihn gilt die Exception culturelle, die kulturelle Ausnahme: Filme werden gefördert, gepudert, geehrt. Und das zurecht.

#3 Weil sie alle Genres beherrschen.

Die meisten denken bei Tricolore-Kino an Amélie, an Taxi, die Sch’tis, Einfach beste Freunde oder vielleicht auch La Boum. Und Gérard Depardieu und Jean Reno gehen natürlich auch immer (wobei Reno Marokkaner spanischer Abstammung ist). Die Männer träumen davon, einmal mit Emanuelle Béart, Julie Delpy, Vanessa Paradis oder Charlotte Gainsbourg das Baguette zu brechen. Soweit das gallische Mainstream-Kino. Aber schon das hat es ja in sich! Auf alle Genannten erhöbe ich ein Glas Burgunder. Doch unterhalb dieser „arroseurs de quartier“ (Blockbusters) wird es erst interessant: In La France entstehen knallharte Thriller, bitterschwarze Satiren, zauberhafte Traumwelten, nervenaufreibende Dramen, wortgewaltige Epen, aufregende Historienfilme, ja sogar Zeichentrick- und Weihnachtsfilme – alle vom Allerfeinsten. Der größte Segen sind jedoch Frankreichs Jugend-, Familien- und Beziehungsdramen. Jeder junge Mensch, der das Gefühl hat, ein Außerirdischer zu sein und nicht in diese Welt zu gehören, dem sind Filme wie „LOL“, „La Boum“, „Blau ist eine warme Farbe“, „Tomboy“, „Water Lilies“ oder „Der Name der Leute“ ein größerer Trost.

#4 Weil sie Heerscharen betörender Schauspieler und fähiger Cinematographen heranziehen.

Das Geheimnis der hohen französischen Filmkunst liegt in der Cinephilie des gallischen Volkes. Franzosen lieben und leben das Kino. Sie verstehen es als intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Menschsein und den Phänomenen der Zeit. Wenn ein Film nicht den Stoff für ein abendfüllendes Rotweinsterben am Acht-Personen-Tisch liefert, war er den Eintritt nicht wert. Jedem Hobbypädagogen muss klar sein, dass aus solch einer gelebten Filmkultur auch vielfältige Talente hervorgehen, die in allem vorgebildet sind, was Film ausmacht: das Spiel, der genaue Blick, das Timing, das Tempo, ein Gefühl für starke Bilder. Am Ende sind selbst solche Brüllerkomödien wie „Willkommen bei den Schti’s“ von fein beobachteter Brillanz. Warum macht das der Franzmann? Weil er’s kann. Die Sch’tis zogen übrigens 20,5 Millionen Zuschauer allein in Frankreich in die Kinos – knapp so viel wie „Titanic“ und bis heute Landesrekord.

#5 Weil sie ermutigen, unser Leben zu leben, trotz aller Widrigkeiten.

Wer schon ein paar hundert französische Filme gesehen hat, dem wird irgendwann ein gemeinsamer Nenner auffallen, der sehr viel Wärme verströmt: Der Mensch steht immer im Mittelpunkt, und die Kamera interessiert sich ausgiebig, liebevoll und geduldig für ihn, für den Guten wie den Bösen. Oder für das Miteinander, das nicht funktioniert, dann wird die Kamera zum Instrument einer schonungslosen Analyse. Französisches Kino ist Menschenkino, in jedem Moment, ob Schauspieler nackt sind und Sex haben oder sich vor der Welt verbarrikadieren, ob sie Chanel tragen oder Lumpen – französische Filme sind dem Menschen immer eine feine Berührung näher. Und: Ihre Helden kämpfen auch dann weiter, wenn es aussichtslos erscheint. Sie sind lebenshungrig.
Deutsche Dramen protokollieren gerne den Zerfall scheiternder Menschen. Französische protokollieren, wie stolpernde Menschen ihre Würde bewahren. Was wahrscheinlich weniger an den Filmen selbst liegt als an der Mentalität, der sie entsprangen. Das ist es, was Savoir vivre meint: Im Jetzt leben – und weitermachen. Wir Deutschen können da noch was lernen. Und das geht nirgendwo schöner als im cinéma français. Voilà, on y va!


Highlights: Französisches Kino auf Kabel eins CLASSICS

  • Sonntag, 19. Juli, 20:15 Uhr
    Die Hölle (1994, „L’enfer“)
    von Claude Chabrol, mit Emanuelle Béart, François Cluzet
  • Sonntag, 26. Juli, 20:15 Uhr
    Die letzte Metro (1980, „Le Dernier Métro“)
    von François Truffaut, mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu

BONUS – 50 französische Klassiker, die zum Weltfilmerbe zählen – von 1902 bis 2001

Seid ihr cinephil? Dann müsst ihr diese Filme mindestens einmal im Leben gesehen haben:

- Die Reise zum Mond (1902, Georges Méliès)
- Johanna von Orléans (1928, Carl Theodor Dreyer)
- Atalante (1934, Jean Vigo)
- Die große Illusion (1937, Jean Renoir)
- Die Spielregel (1939, Jean Renoir)
- Kinder des Olymp (1945, Marcel Carné)
- Die Schöne und die Bestie (1946, Jean Cocteau)
- Pläsier (1952, Max Ophüls)
- Lohn der Angst (1953, Henri-Georges Clouzot)
- Die Teuflischen (1955, Henri-Georges Clouzot)
- Mein Onkel (1958, Jacques Tati)
- Hiroshima, mon amour (1959, Alain Resnais)
- Sie küßten und sie schlugen ihn (1959, François Truffaut)
- Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff (1960, Georges Franju)
- Ausser Atem (1960, Jean-Luc Godard)
- Das Loch (1960, Jacques Becker)
- Letztes Jahr in Marienbad (1961, Alain Resnais)
- Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962, Agnès Varda)
- Am Rande des Rollfelds (1962, Chris Marker)
- Mein Onkel, der Gangster (1963, Georges Lautner)
- Das Irrlicht (1963, Louis Malle)
- Die Regenschirme von Cherbourg (1964, Jacques Demy)
- Elf Uhr nachts (1965, Jean-Luc Godard)
- Zum Beispiel Balthasar (1966, Robert Bresson)
- Drei Bruchpiloten in Paris (1966, Gérard Oury)
- Belle de Jour – Schöne des Tages (1967, Luis Buñuel)
- Tatis herrliche Zeiten (1967, Jacques Tati)
- Der eiskalte Engel (1967, Jean-Pierre Melville)
- Nackte Kindheit (1968, Maurice Pialat)
- Meine Nacht bei Maud (1969, Eric Rohmer)
- Armee im Schatten (1969, Jean-Pierre Melville)
- Claires Knie (1970, Eric Rohmer)
- Vier im roten Kreis (1970, Jean-Pierre Melville)
- Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972, Luis Buñuel)
- Die amerikanische Nacht (1973, François Truffaut)
- Die Mama und die Hure (1973, Jean Eustache)
- Céline und Julie fahren Boot (1974, Jacques Rivette)
- Der Mieter (1976, Roman Polanski)
- Série Noire (1978, Alain Corneau)
- Dieses obskure Objekt der Begierde (1977, Luis Buñuel)
- Ein Käfig voller Narren (1978, Édouard Molinaro)
- Den Mörder trifft man am Buffet (1979, Bertrand Blier)
- Der König und der Vogel (1980, Paul Grimault)
- Da graust sich ja der Weihnachtsmann (1982, Jean-Marie Poiré)
- Sans Soleil – Unsichtbare Sonne (1983, Chris Marker)
- Das grüne Leuchten (1986, Eric Rohmer)
- La classe américaine (1993, Michel Hazanavicius & Dominique Mézerette)
- Hass (1995, Matthieu Kassovitz)
- Mein Leben in Rosarot (1997, Alain Berliner)
- Die fabelhafte Welt der Amélie (2001, Jean-Pierre Jeunet)