Game of Homos – Das Lied von White und Orange

Es ist Tarantinos erster vollendeter Spielfilm. Mit allen Zutaten, die auch seine neun Regiearbeiten danach auszeichnen, von „Pulp Fiction“ bis „Django Unchained“: rohe Gewalt, die aufputscht wie ein Popsong; Zitate und Anspielungen für tausendundein Filmseminar; eine Bildsprache, die sich in unsere kulturelle Haut frisst wie ein Tattoo.
Was vielen nicht bewusst ist: Tarantinos Kino ist reinstes Queer Cinema. Filme über Menschen, die nicht ins schwarz-weiße Mann-Frau-Schema passen. Tarantino zersetzt Geschlechterrollen, bis es auch dem härtesten Kerl weh tut. Mit „Reservoir Dogs“ gelang Tarantino ein großmäuliger blutiger Mackerfilm – der bei genauer Betrachtung ein Glanzstück des Feminismus ist.

Wer die erste Szene vor dem Vorspann verpasst, hat schon den Faden zum Film verloren. (Ab hier: SPOILER ALERT!) Ein gepflegtes Beisammensitzen bei Cola und Pommes in einem American Diner – die Betriebskantine der Unternehmung Diamantenraub. Acht schwere Jungs, allesamt Killer, analysieren Popsongs (Popsongs!) und hören einander geduldig zu, sittsam wie Schüler in der College-Mensa. An Madonnas „Like A Virgin“ scheiden sich zwei Geister: Der eine glaubt, es gehe um eine Frau, die endlich ihre wahre Liebe gefunden hätte; der andere besteht darauf, sie hätte einfach den monströsesten Schwanz in ihrer langen Sexbiografie einverleibt bekommen. Letzterer liegt falsch – so wie am Ende alle acht in ihrem Selbstverständnis von „Männlichkeit“.

Wir sind alle Gender-Sklaven

„Reservoir Dogs“ scheint wie ein sparsames Kammerspiel unter Gaunern, Großmäulern und Testosteron-Giganten: Alles dreht sich um das Gebell und Gemetzel von Alphatieren in einer leeren Lagerhalle, mit langen Dialogen und theatralischem Spiel. Doch die prächtig ausgestülpte Männlichkeit zerplatzt ein ums andere Mal und zerfließt auf dem harten Fundament der Wirklichkeit – wie das Gedärm des Mr. Orange (Tim Roth). Der ganze Film läuft auf ein elendes Kollektiv-Verrecken von Männern hinaus, die mit jeder „weiblichen“ Regung ihrer Persönlichkeit ringen, bis sie daran verenden. Was ist „männlich“, was „weiblich“? Die Forschung weiß längst: Abseits eindeutiger Körpermerkmale ist alles, was uns als typisch Mann oder Frau vorkommt, eine willkürliche Unterstellung, und der haben wir uns über Jahrhunderte hinweg gefügt. Wir sind alle Sklaven dieses Mann-Frau-Terrors: Die meisten Menschen bringen Zeit ihres Lebens damit zu, gegen ihre Geschlechterrollen zu kämpfen – oder es irgendwie mit ihnen auszuhalten. Tarantino quält seine Figuren in diesen Rollenbildern, bis sie sich vor Schmerzen (selbst) zerfleischen.

No woman, no film

Es gibt keine einzige Frau in „Reservoir Dogs“, die etwas sagt. Nur drei Frauen sind überhaupt zu sehen. Aber es gibt zwei, die das Schicksal der Männer in diesem Film bestimmen: die Frau, die Mr. Orange in den Bauch schießt, als der sich ihr Auto nehmen will; und Lily Parker. Lily Parker war die Frau des Schauspiellehrers von Lawrence Bender, dem Freund und Produzenten von Tarantino. Sie arbeitete mit Harvey Keitel zusammen – an den Tarantino damals nicht herangekommen wäre, aber ohne den er diesen Film nicht drehen wollte. Und sie ließ Keitel das Drehbuch zukommen – der es so großartig fand, dass er dabei sein wollte. Frauen drehten hier das Schicksalsrad, da konnten die Herren Gangster und Macher noch so breitbeinig im Leben stehen.

Schwul oder nicht schwul, das ist hier nicht die Frage

Es könnte eine Doktorarbeit füllen, all die homoerotischen Anspielungen in „Reservoir Dogs“ offenzulegen. Wer tiefer einsteigen will, liest da, da, da und da weiter. Für alle anderen die Kurzversion: Infolge einer schweren Verletzung und einem Ich-lass-meinen-Kumpel-nicht-im Stich-Helfersyndrom entwickelt sich zwischen Mr. White (Harvey Keitel) und Mr. Orange eine tiefe, liebevolle, körperlich intensive Zuneigung, die schließlich die Existenzen aller am Raub beteiligten Männer auslöscht. Ihr Glaube an männliche Stärke ist ihre tödliche Schwäche. Brillant an Tarantinos Drehbuch: es bedarf dazu keiner offen homosexuellen Geste. Im Gegenteil, erst unter dem schützenden Schleier hemmungsloser Gewalt und Blut speiender Wunden können die beiden Männer einander Wärme spenden, Mitgefühl, Herzlichkeit. Dies geht so weit, dass sie dafür das Leben all ihrer Kameraden aufs Spiel setzen, schließlich auslöschen und sich am Ende selbst einander opfern, um in Ewigkeit so vereint zu sein, wie sie es im Leben nicht konnten.

Der Ring der Herren

Das darf als Kritik verstanden werden: dass „echte Männer“, vermeintliche Hetero-Kerle, nur dann zärtlich zu anderen Männern sein können, wenn diese zersiebt, zerrissen oder aufgeplatzt in unseren Armen liegen! Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen (und Lust aufs Analysieren von Tarantino-Filmen zu machen): In der Szene, in der Mr. Orange zum Coup abgeholt wird, zieht er sich vorm Verlassen seiner Wohnung noch schnell einen Ehering über. Dieser ist Mr. White freilich nicht entgangen, er ebnet ihm erst den Weg, sich später Mr. Orange in seiner schmerzenden Verzweiflung körperlich anschmiegen zu können, ganz ohne gemischte Gefühle. Wie sagte doch Captain Ellerby im Mafia-Mackerfilm „Departed“: „Marriage […] lets people know you’re not a homo.“ Tja, wie Mann’s dreht, er liegt daneben.

Ein schönes Massaker

Zugegeben, viele werden sich überwinden müssen, den Film unter der Frage zu sehen: Was zum Geier haben die Typen alle für ein Problem mit sich, dass sie ständig anderen beweisen müssen, wie hart, cool, schlau, professionell und abgebrüht sie doch wären? Dennoch, versucht es mal. Seid mutig! Allen anderen gilt meine Standard-Kurzempfehlung: „Reservoir Dogs“ ist ein herrlich minimalistisches Massaker unter gut bewaffneten, stilvoll gekleideten Männern, voller Schimpfworte, dirty talk, gut abgehangener Menschenverachtung, üblem Rassismus und fiesem Sexismus. Gute Musik ist auch drin. Nur Tierfreunde muss ich enttäuschen, Hunde kommen in „Reservoir Dogs“ leider nicht vor.

Dienstag, 30. Juni 2015, 20:15 Uhr, auf Kabel eins CLASSICS
Reservoir Dogs (USA 1992), Regie: Quentin Tarantino, mit: Harvey Keitel, Tim Roth, Steve Buscemi, Michael Madsen, Chris Penn, Lawrence Tierney