Steve Buscemi schafft Mitleid für die schrägsten Vögel

Zeit für den Film-Olymp

Angenommen, du müsstest eine Filmrolle besetzen – laut Drehbuch männlich, um die 50, muss als Volltrottel, gewalttätiger Irrer und armseliger Hanswurst gleichermaßen glaubhaft sein UND dabei sympathisch wirken. Dann hast du zwei Möglichkeiten: a) Du nennst den Autor eine durchgeknallte Drogendrossel und schmeißt den Job hin oder b) Du rufst den Agenten von Steve Buscemi an. Steve schüttelt solche Figuren mit Leichtigkeit aus dem Ärmel. Wer ihn nicht auf dem Schirm hat, verpasst einen der wunderbarsten Schauspieler, den das US-Kino seit den 90er Jahren aufbietet. Es wird Zeit, dass er auf den Olymp kommt.

Es war in „Fargo“. Da nahm ich Steve Buscemi zum ersten Mal wahr. Vergessen konnte ich ihn danach nie wieder. Die schlichte Winter-Krimi-Splatter-Komödie der Coen-Brüder von 1996 ist für sich ja schon eine Sensation, einer der besten Filme, die ich je gesehen habe; wie Buscemi darin den Ganovendeppen Carl Showalter gibt und eine einfache Entführung dermaßen außer Kontrolle geraten lässt, dass der Zuschauer vor Mitleid immer lauter lachen muss, je mehr Leute auf brutalste Weise umkommen, das hat schon einen rätselhaften Reiz. Seine scheinbar losen Augäpfel, seine ausschürzenden, kirschroten Lippen, seine Zähne – alles hängt so schief wie sein Verstand.

Mit der Figur eines hilflosen Wahnsinnigen passt Steve Buscemi perfekt in das komische Psychopathenkabinett der Coen-Brüder. Besser als jeder andere: Kein Schauspieler bekam mehr Rollen in Coen-Filmen als Steven Vincent Buscemi. Sechs Mal durfte er für die Regie-Genies in den Ring steigen. Den größeren Namen hat er sich jedoch mit seinen Rollen bei Quentin Tarantino gemacht, vor allem in dessen herausragendem Debüt „Reservoir Dogs“ (über das ich mir in meinem nächsten Artikel ein paar postfeministische Gedanken machen werde). Auch dort spielt er einen unterbelichteten Loser, der so bemitleidenswert wie gefährlich ist.

Über hundert Spielfilme, über hundert TV-Episoden

„Menschen auf der Suche, ohne Halt, sind mir von all den Charakteren, die ich spiele, am nächsten. Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Ziele verwirklichen können“, gab Steve Buscemi vor sechs Jahren zu Protokoll. Er brachte damit seine Schauspielkarriere auf den Punkt – nachzusehen in nahezu über hundert Spielfilmen, in denen er mitgewirkt hat. Dabei brilliert er nicht nur mit seiner einzigartigen Ausstrahlung und der Intensität seiner inneren Zerrissenheit, sondern er wertet auch seine Mitspieler auf – ganz besonders auffällig in dem von ihm selbst inszenierten Kammerspiel „Interview“ (2007), da läuft sogar die talentfreie Sienna Miller zu einer Art Höchstform auf.

Und dann ist da noch seine fabelhafte Karriere als TV-Serien-Darsteller und -Regisseur, allen voran in „Die Sopranos“, „30 Rock“, „Portlandia“ und natürlich seiner bislang größten Hauptrolle in der auf ihn zugeschnittenen Serie „Boardwalk Empire“. Ausgerechnet darin wirkt Buscemi ein wenig gehemmt.

Nur sechs Hauptrollen

Fühlt er sich in Hauptrollen weniger wohl oder halten Produzenten ihn für Kassengift, wenn er mal first billed ist? Tatsächlich hatte Buscemi in seinen über hundert Spielfilmen nur sechs richtige Hauptrollen – zwei davon in seinen eigenen Filmen (Trees Lounge,1996; Interview, 2007), zwei in Filmen seines Freundes Tom DiCillo (Living In Oblivion, 1995; Delirious, 2006) sowie in den wunderbaren Independent-Filmen „Alles Kino“ von Alexandre Rockwell (1992) und „Ghost World“ von Terry Zwigoff (2001). Im Ernst jetzt? Wie kann das sein?

Hollywood ist angepisst

In den 30 Jahren, die er nun schon vor der Kamera steht, ist Steve Buscemi noch nie, kein einziges Mal, für einen Oscar nominiert gewesen! Über die Gründe lässt sich spekulieren. Hollywood ist bekannt dafür, Filmschaffende zu ignorieren, die allzu grellen Schabernack mit und über das Filmgeschäft anstellen. Buscemi hat da eine sehr deutliche Haltung eingenommen: In vier seiner sechs oben genannten Hauptrollenwerke pisst er der Schauspielwelt ans Bein und schüttet Häme aus über ihre Oberflächlichkeit und das ganze hohle Startum. Der altehrwürdigen Akademie in Los Angeles ist das ganz sicher nicht ent-, wohl aber zu weit gegangen.

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Schönheitsfrage. Amerika liebt seine Außenseiter – wenn sie an der Außenseite bleiben. Obwohl ich Steve Buscemi für einen äußerst attraktiven Mann halte, könnten gerade seine markanten Charakterzüge einer großen Rolle in einem großen Film im Wege stehen, zumindest in den schönheitswahnsinnigen USA. Buscemi wirkt nun einmal ein wenig lädiert und er ist es ja auch. Als Kind wurde er von einem Bus und von einem Auto überfahren, und 2001 geriet er mit seinem Kollegen Vince Vaughn in eine Stammtischschlägerei in North Carolina, bei der ihm ein Messer in Kopf und Hals gestochen wurde; die Narben davon werden bis heute mit starkem Make-up abgedeckt.

Lernen und Löschen in Klein-Italien

Das blinde Draufgängerische, bei dem er am Ende einen höheren Preis bezahlt als er gewinnt, ist in seiner Biografie offenbar angelegt. Als Kind armer Eltern 1957 in Brooklyn geboren, wusste er bis zum Alter von 19 Jahren nichts mit seinem Leben anzufangen, blieb im Elternhaus wohnen und ging vorzugsweise mit Kumpels saufen. Schauspieler wollte er zwar früh werden; er glaubte nur nicht, dass er es schaffen würde. Seine Versuche als Stand-up-Comedian sind ihm in schlechter Erinnerung, die Einsamkeit auf der Bühne überwältigte ihn. Bis ihm klar wurde, was seine Stärke ist: „Damals lernte ich, dass ich nur erfolgreich bin, wenn ich etwas für andere tue, für die Kollegen, für einen Regisseur. Das war schon in der Highschool so, als ich im Ringerteam kämpfte. Bei den Turnieren für meine Mannschaft gewann ich, als Einzelkämpfer versagte ich. Ich bin nicht gut darin, etwas für mich zu tun.“ Und so tat er etwas für andere: Während seiner Ausbildung am New Yorker Lee-Strasberg-Institut heuerte er als Feuerwehrmann an. Fünf Jahre arbeitete er für die Wache 55 in Little Italy (und eilte seinen früheren Kollegen nach dem Anschlag auf das World Trade Center zu Hilfe).

Nach 30 Jahren Independent-Kino mal mit Adam Sandler ablachen?

Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass Steve Buscemi der ewige nette Psycho von nebenan bleiben und niemals auf die Bühne einer Oscar-Verleihung gelassen wird. Längst hat er sich für das Independent-Kino als sein natürliches Habitat entschieden (zugegeben, es ist ziemlich großes Independent-Kino), und Geldsorgen dürfte er auch keine mehr haben. Er bekam in „Boardwalk Empire“ 75.000 Dollar Gage – pro Episode! Umso verwirrter schaue ich seinem nächsten Film entgegen: In „The Ridiculous 6“ wird er an der Seite von Adam Sandler in einer Western-Komödie spielen, Regie führt der leichtköstige Frank Coraci („Eine Hochzeit zum Verlieben“, „Klick“), und ich befürchte, wieder Mitleid mit Buscemi haben zu müssen. Nur aus anderen Gründen.

Diese Filme mit Steve Buscemi MUSST du sehen!

Abschiedsblicke (1986)
Alles Kino (1992)
Reservoir Dogs (1992) auf kabel eins CLASSICS, 30. Juni, 20:15 Uhr
Living In Oblivion (1995)
Trees Lounge (1996) auf kabel eins CLASSICS, 15. Juni, 20:15 Uhr
Fargo (1996)
The Big Lebowski (1998)
Ghost World (2001)
Interview (2007)
John Rabe (2009)
Boardwalk Empire (TV-Serie, 2012–2014)