Vier Engel für Marwil

Was passiert, wenn man die Kultserie heute zum ersten Mal sieht? Ein Selbstversuch

Die Detektivserie „Drei Engel für Charlie“ wird nächstes Jahr 30 Jahre alt. Schon damals war sie für die geradlinige Unterhaltung, die sie bot, ein riesiger Erfolg. Kabel eins CLASSICS bringt die Serie jetzt zurück – gerade während uns aus den Mode-Katalogen ein 70er-Jahre-Revival entgegenstrahlt, welches es mit Farah Fawcetts perlweißem Grinsen aufnehmen kann. Was denken 20- bis 40-Jährige, wenn sie die Serie heute sehen? Das wollte ich ausprobieren und habe ein paar Jungs und Mädels zum Private Viewing eingeladen. Am Ende blieb ich der einzige Kerl in diesem Versuch. Der Grund: Textilien.

Sabrina erinnert sich an Sabrina, während mein altersmüder Riesenfernseher warmläuft. Es dauert ein paar Minuten, bis er hell genug ist, um seine Bilder der Frühabendsonne entgegen zu stemmen. Die blonde Mittdreißigerin hat den besten Platz auf meiner Couch und erzählt uns, wann sie zum ersten Mal Kate Jackson alias Sabrina Duncan sah („Ich war noch zu jung“).

Wir übrigen – Steffi, Tuula, Anaïs und ich, allesamt zwischen 20 und 40, also quasi gleichaltrig – hören ihr zu und müssen grinsen. Denn irgendwie fühlt es sich trashig an, sich im Jahr 2015 zu einer Jiggle-TV-Serie von 1976 zu treffen.

Weibliche Detektive? „Die schlechteste Idee, die ich je gehört habe“

„Drei Engel für Charlie“ (im Original: Charlie’s Angels) war eine Kopfgeburt der Fernsehproduzenten Aaron Spelling und Leonard Goldberg. Sie wollten eine Detektivserie, in der eine Frau die Hauptrolle spielt, ohne männliche Beschützer. Ein Novum. Starke, kluge Frauen, die erfolgreich böse Männer bekämpfen, kannte das Fernsehen bis dahin nicht. Gestrickt wurde die Idee um Kate Jackson herum, nachdem sie in der Serie „Neu im Einsatz“ (The Rookies) als Polizei-Novizin hervorgestochen war.

Als Spelling und Goldberg dem Sender ABC ihr Konzept präsentierten, meinte einer ihrer Vertreter: „Die schlechteste Idee, die ich je gehört habe.“ Es waren die Worte von Robert Wagner, Schauspieler, bekannt aus „Hart aber herzlich“. Nun gibt es aus gutem Grund Schauspieler auf der einen und Produzenten auf der anderen Seite, und Wagner konnte nicht falscher liegen: Als die Serie startete, ging sie durch die Decke (und machte Spellings Firma reich). Bis zu 59% aller US-Fernsehzuschauer schalteten ein, wenn der ominöse Charlie (den keiner je zu Gesicht bekam) seinen drei „Engelchen“ einen neuen Auftrag gab. Diese Quote eines Seriendebüts blieb lange ungeschlagen im amerikanischen Fernsehen, erst 1994 brach „Emergency Room“ den Rekord.

Vom Streitsubjekt zum Lustobjekt

Dass Kate Jackson noch zwei Kolleginnen an ihre Seite bekam, war ein Geniestreich. Gleichzeitig aber auch ein Einknicken vor der eigenen Courage und in gewisser Weise eine Beschädigung der Figuren. Zum einen trauten Spelling/Goldberg einer Frau als alleiniger Serienheldin doch nicht genug Zugkraft zu; und als sie entschieden, dass zu viel emanzipatorischer Fortschritt Zuschauer verschrecken könnte, statteten sie ihre Heldin mit Reizen aus, die – ich formuliere mal neutral – reichlich Aufmerksamkeit erzeugten. An dem Punkt muss der Libido-Gaul mit den Erfindern durchgegangen sein: Warum einmal reizend, wenn dreimal reizend dreimal reizvoller ist?
Dennoch gelang ihnen ein Clou: Männlicher Voyeurismus wurde ebenso großzügig bedient wie weiblicher – auf verschiedenen Ebenen.

Haare, Haare, nichts als Haare, oder: Die Macht der Ondulation

Noch starrt geballte weibliche Skepsis von meiner Couch aus auf die ersten Szenen des Pilotfilms. Ein Smoothie-Blender in Aktion wird beklatscht – das It-Gerät in den Vegan-Küchen von heute. Und dann das erste Raunen: Ein Motorradfahrer in voller Ledermontur fährt vor einer Villa vor. Er nimmt den Helm ab … und heraus schwingt ein Kubikmeter bestgestyltes brünettes Haar. Was für ein Auftritt! (Kompliment! Wie, bitte, passt so viel Haar unter einen Helm und wie kann es katalogfertig darunter wieder hervorschwingen?) Jaclyn Smith, die in dieser Szene als Kelly Garret das erste weibliche Ausrufezeichen der Serie setzte, sowie die lagunenblauäugige, nuklearblonde Farah Fawcett alias Jill Munroe setzten Maßstäbe im Hairstyling mit ihren wallenden, federnden Volumenfrisuren.

Es beeindruckt bis heute: „Die Haare sind der Hammer“, entfährt es Steffi, mit einem Unterton von Bewunderung und Ungläubigkeit. Tatsächlich spielt Haar eine ständige Hauptrolle in der Serie und setzte damals Frauen wie Frisöre unter Druck. Kein Hochglanzmagazin jener Zeit kam noch ohne diese Pracht aus. Doch sie war das Ergebnis enormer Anstrengung. David Doyle, der den onkelhaft kauzigen Detektei-Leiter John Bosley spielt, erinnerte sich zehn Jahre später: „Von dem Geld, das ich mit Warten verdient habe, bis die Haare der Mädchen trocken waren, konnte eine meiner Töchter etwa ein Jahr lang aufs College gehen.“

Alle 7 Minuten: raus aus den Klamotten!

Schon nach zwanzig Minuten ist klar: Der größte Einfluss, den die Serie damals hatte, ist auch heute noch die Attraktion Nummer eins: geile Outfits. Im Schnitt wechseln die Mädchen acht Mal pro Episode ihre Kleider: Vom Hosen-Anzug mit Safari-Caban zum Schlaghosen-Jumpsuit mit Wickel-Neckholder zur destroyed Hot-Pants mit nabelgeknotetem Jeans-Hemd zum Crop Top mit Flared Stretch-Jeans … „Drei Engel für Charlie“ ist ein Pfuhl der Inspiration für jeden, der Mode liebt.

Couch-Linksaußen Sabrina gerät außer Rand und Band: „Geiler Rolli, geile Hose, geiles Outfit – würd ich sofort so kaufen und anziehen!“„Schlaghose, echt jetzt?“ Anaïs wirkt verstört. „Klar, habe gerade wieder eine gekauft.“ „Drei Engel für Charlie“ muss Pflichtserie für jeden sein, der im Sommer 2015 bang on trend sein will. Die Männer auf dem Bildschirm entzücken immerhin mit Rollis in allen Lebenslagen. Ich werde mich diesen Sommer dennoch anders orientieren.

Achselgate & Nipplegate

Als sich in zwei Szenen hintereinander deutlicher Achselschweiß bei den Engeln bemerkbar macht (im Büro, nicht beim Sport), sind meine Couchgirls milde entsetzt. Jedoch nicht, weil das heute ein Tabu wäre; sondern weil es ein Versagen der Maske ist. Es gehört heute offenbar zur Medienkompetenz zu wissen, wann ein Filmschaffender seinen Job schlecht macht.

Eine weitere Beobachtung macht die Runde verlegen. Es dauert, bis es endlich einer ausspricht: Nippelalarm! Keine der Frauen trägt einen BH, unter leichten Oberteilen zeichnen sich deutlich ihre Brustwarzen ab. Interessant, dass das 2015 noch ein Thema ist. Vermutlich mehr noch als 1976, nur wenige Jahre nach der freizügigen Flower-Power-Ära. Und doch waren sich damals alle bewusst, dass dies ein kalkuliertes erotisches Moment war. Farah Fawcett gestand später gegenüber einer britischen Tageszeitung: „Als die Serie auf Platz drei [der TV-Quoten] stand, führte ich das auf uns als Schauspielerinnen zurück. Als sie auf Platz eins war, konnte das meiner Meinung nach nur sein, weil keine von uns einen BH trug.“

Emanzipation oder Sex-Sklaverei?

Die Meinungen darüber, ob die Serie das Frauenbild verändert oder gefestigt hat, gehen bis heute auseinander. Während die Macher und ein Teil der Öffentlichkeit sie dafür feierte, dass sie Frauen endlich Qualitäten zugestand, die sonst nur Männern vorbehalten waren – Stärke, Kompetenz, Eigenständigkeit, technische wie kämpferische Fähigkeiten, alles im Dienste der guten Sache – monierten Feministinnen und andere Kritiker, dass Frauen, wieder einmal, als Sex-Objekte instrumentalisiert wurden. Am Ende haben wohl beide Lager recht. Der Streit offenbart ein grundsätzliches Problem im Verhältnis der Geschlechter, das möglicherweise für immer fortbestehen wird: Sind Frauen ohne eine erotische Anziehungskraft darstellbar, und wenn nein, warum scheint das mit Männern zu funktionieren? „Drei Engel für Charlie“, schlussfolgere ich, waren weniger eine Befreiung für die Frau als eine Steilvorlage, die Geschlechterdebatte unter veränderten Vorzeichen weiterzuführen.

In unserer kleinen privaten Runde spielte das alles kaum eine Rolle. Anzüglichkeiten gibt es reichlich in der Serie („Ich weiß, Sie bevorzugen den persönlichen Kontakt“), aber sie sind kein Aufreger. Ob sie meinen Gästen vollkommen egal waren oder sie sie einfach resigniert hinnahmen, habe ich nicht gefragt. Doch frage ich mich selbst: Ist diese Art, wie Männer Frauen anreden, so etabliert, dass wir uns noch immer in diese Muster fügen, als wäre sie die natürlichste Sache der Welt? „Drei Engel für Charlie“ bietet reichlich Material, die hochaktuelle Debatte zu befeuern.

Und sonst so?

„Drei Engel für Charlie“ ist leichte Kost, und die ist bekanntlich gesund. Bemerkenswert ist aber der hohe Aufwand, der bei der Filmmusik betrieben wurde. Jede Handlung ist bildgenau vertont worden, jedes Motiv ruft sein eigenes aufgeregtes Instrument auf den Plan. Fast wie beim Stummfilm wird jede Szene orchestral kommentiert – das ist heute so nicht mehr üblich (stattdessen begleitet ausgewählte Popmusik das Geschehen). Noch drolliger als vorwitzige Bassklarinetten ist jedoch die Sprache, insbesondere die deutsche Synchronisation. Da machen Redewendungen die Runde, die uns an Großelterns Kaffeetafel erinnern. Die „flotte Biene“ als Metapher für eine, nun ja, scharfe Ische, gehört da noch zu den harmlosen Beispielen. In dieser Hinsicht bietet „Drei Engel für Charlie“ einen Unterhaltungswert, den es zur Zeit ihrer Erstausstrahlung noch nicht gegeben hat.

Fazit: Einschalten lohnt sich. Und weil jede Episode eine abgeschlossene Geschichte ist, macht es keinen Unterschied, ob man zur 1., 7. oder 18. Folge einschaltet oder auch mal eine Folge verpasst. Ein paar von uns fünf werden sich weiter treffen und Kelly, Jill und Sabrina (bzw. Jills und Sabrinas Nachfolgerinnen) in ihren berauschenden Undercover-Kostümen bewundern. Einige brauchen einfach noch was Gutes zum Anziehen für diesen Sommer.
Hier finden Fans eine gute Episodenübersicht (englisch).


Auf kabel eins CLASSICS läuft Drei Engel für Charlie werktags um 18:35 Uhr.
Die Sendetermine der einzelnen Folgen sind hier zu finden.