Erwachsen werden mit der Karate-Kid-Trilogie

Auftragen und polieren

Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: John G. Avildsens „Karate Kid“ von 1984 ist weniger ein Martial-Arts-Film als eine Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Finden des Gleichgewichts in einem kompliziert gewordenen Leben.

Regisseur Avildsen wusste, wie er die Geschichte eines naseweisen Kämpfers aufzieht, ohne Gewalt- und Action-Szenen allzu große Bedeutung zu schenken. Denn so hielt er es schon 1977 bei „Rocky“, und der hatte ihm immerhin einen Oscar für die beste Regie beschert. Es war ein Meilenstein des Kampfsportfilms. Weil er sich vor allem für den einsamen inneren Kampf des Titelhelden interessierte – die Wettstreite im Ring waren nur das Echo davon, ein Widerhall von Knochen und Blut, dem schaulustigen und zahlwilligen Publikum hingeworfen. Irgendwie muss ja Geld in die Kasse.

Eine Generation auf der Suche nach sich selbst

Während sich „Rocky“ an ein erwachsenes, testosteronreifes Publikum wandte, war „Karate Kid“ für ganz andere gemacht: Teenager und High-School-Schüler. Und die hatten in den 1980er Jahren große Sorgen: Nach den Kriegen ihrer Eltern, nach dem Scheitern der Hippieträume und angesichts der Starre des Kalten Krieges suchten sie ringend nach Identifikationsangeboten, nach Auswegen aus einer Welt, die ihnen vorkam, als wäre sie schon nuklear verwüstet, ohne dass ein irrer Staatschef einen roten Knopf drücken musste. Die Liste der zehn beliebtesten Filme von 1981 liest sich wie ein Katalog von Apokalypsen . Erst zwei Jahre später begannen positive, ermutigende Geschichten in den Kinos an die Spitze zu drängen. Allen voran machte „Flashdance“ (1983) vor, wie eine junge Frau unter Schweiß und Tränen ihren Traum vom Tanzen verwirklicht, und bald zeigte sich, dass diese Generation als Strohhalm taugte, an den sich auch das kriselnde Kino jener Zeit rettend klammern konnte. Die Welle der Popkultur schlug immer höher, und sie verlangte nach Geschichten und Lebensentwürfen, in denen sich die nach 1960 Geborenen wiederfanden und verstanden fühlten; die ihnen Sehnsuchtsorte boten, die ihre Eltern nicht mal begriffen, wenn man sie ihnen erklärte. „Karate Kid“ war auch so ein positiver Ort, einer, der es ermöglichte, sich seine Träume zu erfüllen und ganz bei sich anzukommen.

Der Zauber von „Karate Kid“

Doch damit war nicht zu rechnen: „Karate Kid“ wurde – nach „Terminator“ – der beliebteste Kinofilm des Jahres 1984! Für alle, die den Film noch nicht kennen: Er handelt vom 15-jährigen Daniel LaRusso, der mit seiner Mutter von New Jersey nach Kalifornien ziehen und sich dort täglich den Angriffen einer Jugend-Gang erwehren muss. Daniel ist kein Karate-Wunderkind, sondern ein dünnes Hemd, das sich nur ein paar holprige Schlag- und Beintechniken aus einem Buch antrainiert hat und bei Keilereien einsteckt statt austeilt. Hilfe findet er in dem unscheinbaren Hausmeister Miyagi, der den Tag mit Bonsai-Schnippeln und dem Reparieren von Wasserhähnen verbringt. Zwischen ihnen entwickelt sich eine (Vater-Ersatz-) Freundschaft, in der sich der seltsam lustige Miyagi nach und nach als großer Kampfkünstler alter Schule entpuppt. Er zeigt Daniel den Weg zu Karate auf äußerst unkonventionelle Weise – zum Beispiel durch kilometerlanges Streichen von Lattenzäunen.

Der Schüler und sein Lehrer – ein Traumpaar

Es waren viele Reize, die diesen Film zu einem so großen Erfolg machten. Zum einen taugte der niedliche, im Herzen rebellische Karate-Kid-Darsteller Ralph Macchio sowohl als Mädchenschwarm und Poster-Boy als auch als Vorbild für gute, smarte Jungs, die alle davon träumten, böse Buben mit einem Schlag zu winselnden Wichten machen zu können – aber nur wenn es wirklich, wirklich sein muss. Macchio war bereits 22 Jahre alt, als er den 15-jährigen Daniel verkörperte! Nicht mal das Film-Team nahm ihm sein wahres Alter ab. Daniels Lehrer und Freund, Miyagi, wiederum bot eine skurrile Mischung aus schrulligem, weisen Kobold zum Gernhaben und einer fast überirdischen Macht aus innerer Ruhe, Leichtigkeit und tödlicher Gefährlichkeit. Dass sein Darsteller Pat Morita unter all dem auch den gebrochenen Kriegsveteranen in Myagi durchscheinen lassen konnte, brachte ihm eine Oscar-Nominierung für die beste männliche Nebenrolle ein.

Geldmaschine

„Karate Kid“ erzielte nicht nur im Filmgeschäft einen aberwitzigen Erfolg – mit etwa 8 Millionen Dollar Produktionskosten spielte er an die 150 Millionen ein. Auch sein Effekt auf den Karate-Sport war gewaltig, obwohl schwer in Zahlen zu fassen. Denn er löste weltweit einen Sturm auf Karateschulen aus, selbst die bis heute anhaltende Popularität dürfte zu einem beträchtlichen Teil in diesem Film wurzeln. Denn anders als gängige Kampfkunstkinokost hat „Karate Kid“ die Philosophie von Karate in den Vordergrund gestellt, seine Choreographie zelebriert und es zu einer Art Meditation erhoben. Das schuf nachhaltig Sympathie für diesen Sport, oder besser gesagt: für diese Selbsterfahrung.

Die Fortsetzungen

An dem Rezept änderte sich in den nachfolgenden zwei Karate-Kid-Teilen wenig: Das Traum-Team Pat Morita und Ralph Macchio geben die bescheidenen, ehrbaren Karateken, halten die Weisheit des Karate hoch und sind in den entscheidenden Momenten allen anderen überlegen – dank Konzentration, inneren Gleichgewichts und strenger Fokussierung auf die Mitte des Wesentlichen. Auch wenn die Teile zwei und drei in vielen Szenen ungelenker wirken als noch in Teil eins und die Drehbücher mit so manchem Schmarrn um die Ecke kommen, so haben sie doch alle den charmanten Schauwert samt berückender Kulisse, der den ersten Teil zu einer Ikone des 80er-Jahre-Kinos machte.

Star-Film ohne Stars

Erstaunlich, aber mit ein Grund, warum die Karate-Kid-Reihe nicht für alle zur kollektiven Kino-Erinnerung gehört: Sie kam ohne Stars aus und brachte auch keine hervor. Für Pat Morita war es die Rolle seines Lebens, auch wenn er bis zu seinem Tod im Jahr 2005 mehr als schwer beschäftigt war. In 70 TV-Serien und fast so vielen Spielfilmen hatte er Rollen – an die sich kaum einer erinnert.
Ralph Macchio dreht bis heute Filme, allerdings mit viel Leerlauf. Nur in Francis Ford Coppolas „Die Outsider“ (1983, also vor „Karate Kid“) und Jonathan Lynns „Mein Vetter Winnie“ (1992) konnte er noch nennenswert brillieren. Für „Karate Kid“ stach er damals immerhin Charlie Sheen aus.
Regisseur John G. Avildsen drehte nach „Karate Kid III“ (1989) und „Rocky V“ (1990) nur noch vier Filme, die kaum Beachtung fanden; doch deutet einiges darauf hin, dass er bald, dann 80-jährig, noch zweimal in den Regie-Ring steigen will.
Eine Personalie ist noch bis heute bemerkenswert: Der Autor der ersten drei Karate-Kid-Geschichten, Robert Mark Kamen, hat im Kino noch zwei größere Erfolge gefeiert: als Autor der beiden Trilogien „Transporter“ und „96 Stunden“.

Di 19.5., ab 20:15 Uhr

Karate Kid
(„The Karate Kid“) USA 1984, Regie: John G. Avildsen, mit: Pat Morita, Ralph Macchio, Elisabeth Shue

Karate Kid II – Entscheidung in Okinawa
(„The Karate Kid, Part II“) USA 1986, Regie: John G. Avildsen, mit: Pat Morita, Ralph Macchio, Pat E. Johnson

Karate Kid III – Die letzte Entscheidung
(„The Karate Kid, Part III“) USA 1989, Regie: John G. Avildsen, mit: Pat Morita, Ralph Macchio, Robyn Lively