Der Duft des Paten

Herzlichen Glückwunsch, Al Pacino!

Al Pacino ist einer der vier großartigsten lebenden US-Schauspieler. Am Samstag wird er 75 Jahre alt. Wir gratulieren und würdigen sein Lebenswerk.

46 Spielfilme hat Al Pacino bislang als Schauspieler geadelt, 41 davon mit einer Hauptrolle, in 33 ist er first billed – also der unangefochtene Star. 2 der 3 besten Filme aller Zeiten zählen zu seinen Errungenschaften. Eine Bilanz, die Ehrfurcht lehrt. Wenigstens aber Bewunderung abverlangt.

Dass er bis heute nur einen Oscar gewonnen hat, ist einer von Hollywoods schlechtesten Witzen. Er ist so schlecht, dass er zu einem Gag in Adam Sandlers Travestie-Schrulle „Jack & Jill“ herhalten musste, in der Jill, ein weibliches Trampel, Pacinos Oscar zertrümmert: „Es tut mir so leid. Aber ich bin sicher, sie haben noch welche.“ – „Äh, man könnte meinen, ja, aber … seltsamerweise, nein, habe ich nicht.“ Es passt nur zu gut, dass „Jack & Jill“ der mit Abstand schlechteste Film ist, in dem Al Pacino je mitspielte. (Bemerkenswert: In seiner Karriere gab es nur 3 Filme mit ihm in der Hauptrolle, die zum Haareraufen mies waren.)

Pacinos Dreisprung an die Spitze

1969 debütierte Al Pacino zum ersten Mal fürs Kino, in einer Nebenrolle des warmherzigen Borderline-Dramas „Ich, Natalie“. Schon sein zweiter Film, „Die Panik im Needle Park“, setzte die Weichen seiner Karriere: Regisseur Jerry Schatzberg gab in diesem Porträt über New Yorker Heroin-Junkies die Hauptrolle an Pacino, nachdem dieser Interesse an dem Drehbuch bekundet hatte; Schatzberg hätte ohne ihn den Film nie gedreht. Allerdings fand er lange kein Filmstudio, das einen Neuling wie Pacino in der Hauptrolle akzeptierte. Eine Gesellschaft namens Gadd gab schließlich grünes Licht. Es blieb ihre einzige Produktion, doch eine, die Geschichte schrieb: „Die Panik im Needle Park“ wurde der Film, den Regisseur Francis Ford Coppola den Paramount-Bossen vorführte, um sie zu überzeugen: Al Pacino ist der Richtige für die Rolle des Michael Corleone in Mario Puzos Mafia-Saga „Der Pate“. Es war die begehrteste Hollywood-Rolle der 70er Jahre, doch keiner, der am Film beteiligt war, wollte Pacino darin sehen – außer Coppola, der sich am Ende durchsetzte. Mit diesem – wohlgemerkt erst seinem dritten! – Film prägte Al Pacino das Kino bis heute. „Der Pate“ und sein Nachfolger „Der Pate 2“ gelten als zwei der drei vollkommensten Werke des modernen Erzählkinos. Es war zugleich der Film, in dem Marlon Brando filmisch wie sinnbildlich die Staffel an den nächsten großen männlichen Mimen des amerikanischen Kinos weiterreichte. Wem „Der Pate“ nicht vertraut ist, wird sich wundern: Es dauert ein Weilchen, bis Al Pacino erkannt wird. Anders als bei den drei Kollegen seines Ranges – Robert De Niro, Dustin Hoffmann, Jack Nicholson – waren seine heute bekannten Gesichtszüge in jungen Jahren weniger stark ausgeprägt.

Methode Pacino

Stark ausgeprägt war jedoch sein darstellerisches Vermögen. Das machtvolle Sprechen seiner Blicke, das Tosen seiner unfassbaren Ruhe, die elegante Haltung, die keinen Widerspruch duldet. Al Pacino verkörpert in jeder Sekunde seines Spiels gleich den ganzen Film, mit seiner ganzen Geschichte. Das kam nicht von ungefähr. Das Spielen gelernt hat Pacino an der Schule von Lee Strasberg, der mit seinem Method Acting viele namhafte Kinogrößen des 70er-Jahre-Kinos prägte. Als Pacino 1966 zu Strasberg stieß, hatte er bereits viele Jahre Bühnenerfahrung hinter sich – und viele Jahre bitterer Armut. Zu Vorsprechen konnte er manchmal nur gehen, wenn ihm andere das Busgeld liehen. Doch Alfredo James Pacino, dem Jungen aus der Bronx, der sich nie für etwas anderes interessierte als Schauspiel, ihm war die harte Schule Motivation. Sein Wille war seine Stärke. Nur so konnte er den Höllendreh des Paten überstehen (bei dem er obendrein keinem Set-Mitglied außer dem Regisseur willkommen war).
Nach „Der Pate“ stand Pacino die ganze Filmwelt offen. Doch statt offensichtlichen Kassenknüllern suchte er schwere Rollen, anspruchsvolle Filmstoffe, schwierige Regisseure. Der steinige Weg sollte sich als der nachhaltige erweisen. Die Einzigartigkeit vieler seiner Filmfiguren tat ihr Übriges.

Die Mafia ist sein Elixier

Ihm zugedachte Rollen spult er nicht ab, er ist sie in jeder Sekunde. Ausgangspunkt, Entwicklung, Endpunkt eines Charakters – bei Pacino ist alles zu jedem Zeitpunkt bereits präsent. So einer kann den Stoff tragen, aus dem Amerika ist, und dieser Stoff ist auch die Mafia. War Pacino in „Der Pate“ noch die Schlüsselfigur für die entsetzliche, unentrinnbare Logik des mafiösen Systems aus Abhängigkeit, Sanktionen und Einsamkeit, so konnte er in „Scarface“ als egomanischer Irrer dieses System in vollen Zügen ausspielen: Die Figur des kubanischen Drogenbosses Tony Montana wurde seine andere große Rolle, mit der er für alle Zeit identifiziert werden wird. Doch es war die Hip-Hop-Szene, die diesen Film dreißig Jahre am Leben erhalten und ihm seinen Status als Meisterwerk gesichert hat. Außerhalb der Gangster-Rap-Welt, die Montanas glamouröses Draufgängertum als erstrebenswert (um nicht zu sagen: er_sterbens_wert) hielt, war „Scarface“ verpönt – die Gewalt zu drastisch, das Kokain zu viel, manche sahen den Film als Ausdruck schlimmstmöglicher Impotenz. Unstrittig ist: Er ist das erste große Drogen-Exzess-Drama des Kinos. Und er hält mit 226 „Fuck“-Flüchen bis heute einen einsamen Rekord. Erst 28 Jahre nach seinem Erscheinen durfte „Scarface“ in seiner unzensierten Original-Fassung veröffentlicht werden. Die Aura des tyrannischen Einzelgängers trägt Al Pacino schon seit der entschärften Fassung von 1983 mit sich.

Eulen-Auge

Heute sehen Filmfans, die an Al Pacino denken, vor allem seine großen, warmen braunen Augen vor sich, und die buschigen Brauen, die sich über sie erheben. Pacinos Gesicht erinnert an eine Eule. So richtig zum Vorschein kam es erstmals 1989 in seinem Cop-Thriller „Melodie des Todes“. Der war zugleich das Ende einer sechsjährigen Leinwand-Flaute, die nach „Scarface“ einsetzte (tatsächlich drehte er nur einen einzigen Film in dieser Zeit – „Revolution“ 1985 – ein ödes Desaster, das ihm auch noch eine lebensgefährliche Lungenentzündung einbrachte). Und er war der Beginn seiner zweiten Karriere. 1990 drehte er gleich drei vielbeachtete Filme, darunter den farbenprächtigen Krimi-Comic „Dick Tracy“ mit Madonna und Warren Beatty sowie den dritten Teil des Paten. Es folgte ein untypischer, aber erfolgreicher Ausflug ins Romantische („Frankie und Johnny“ —> kabel eins CLASSICS, 25. April, 20:15 Uhr) und „Glengarry Glen Ross“, eine überragende Farce aus der Hölle des Angestelltendaseins in Amerika. 1992 folgte „Der Duft der Frauen“, und – endlich! – erhielt er den Oscar für die beste männliche Hauptrolle – als blinder, verbitterter, durchtriebener Colonel Frank Slade. 1995 folgte der künstlerische Höhepunkt in Al Pacinos zweitem Frühling, als er in Michael Manns „Heat“ Robert De Niro jagen durfte. Es ist der beste Gentleman-Thief-Thriller, der je gedreht wurde – eine vor Spannung knisternde Majestät von einem Film und eine Verbeugung vor der Kunst des anspruchsvollen Unterhaltungskinos. Seither ergeht sich Al Pacino in einer rastlosen Spielfreude, die in vielen guten, einigen weniger guten, aber immer mutigen Filmen mündete. 23 Filme hat er seit „Heat“ noch gedreht.

Noch 9 Filme in der Röhre

Dass der alte Pate es noch immer kann, hat er zuletzt im Drama „Danny Collins“ gezeigt. Darin spielt er einen alternden Rockstar, der sich von John Lennon zu einem neuen Leben inspirieren lässt (deutscher Filmstart noch unbekannt). Und es ist noch lange nicht Schluss: Zwei weitere Filme warten auf einen deutschen Starttermin („Manglehorn“ mit Holly Hunter und „The Humbling“ von Barry Levinson), außerdem sind weitere sieben Filme mit Al Pacino in der Hauptrolle angekündigt oder befinden sich bereits in der Mache, darunter gleich zwei Produktionen mit Regisseur Brian DePalma (mit dem er schon „Scarface“ und „Carlito’s Way“ drehte) und das Crime-Drama „The Irishman“ von Martin Scorsese, in dem auch Robert De Niro wieder mit von der Partie ist. Vielleicht reicht es ja noch für einen zweiten Oscar – für Pacino oder für De Niro. Letzterer hat nämlich bislang auch nur einen. Was auch ein schlechter Witz ist.


Die 9 überragenden Filme des Al Pacino

Der Pate (1972)
Der Pate 2 (1974)
Hundstage (1975)
Scarface (1983)
Glengarry Glen Ross (1992)
Der Duft der Frauen (1992)
Carlito’s Way (1993) —> kabel eins CLASSICS, 25. April, 22:10 Uhr
Heat (1995)
Insider (1999)