Gefühlskino ist so, weil wir so sind

Schlüsselmomente für den romantischen Film

Die zwei erfolgreichsten Filme aller Zeiten heißen „Avatar“ und „Titanic“. Der eine ist ein Science-Fiction-Abenteuer-Trickfeuerwerk, der andere eine monumentale Historientragödie. Doch das Publikum, das in Scharen kam, schloss sie aus einem anderen Grund ins Herz: Es sind vor allem Liebesfilme von gigantischer Überweltlichkeit. Wenn man zurückblickt, war die Liebe im Kino von Anfang an dabei. Wie romantische Filme wurden, wie sie heute sind, in einer Hauruck-Einführung.

Ja, die Liebe. Geht auch die Erde unter – Liebe ist ein Stoff, der uns immer wieder zu den bewegten Bildern treibt. Das ist so. Seit es bewegte Bilder gibt.


Der 18-Sekunden-Skandal von 1896

Filmhistoriker sind sich einig: Der erste Liebesfilm der Geschichte war „The Kiss“ von William Heise. Er dauerte, mit allem Drum und Dran, 47 Sekunden und enthielt eine Kussszene von 18 Sekunden Länge. Der Eintritt für dieses Spektakel: 10 Cent. Es wurde – was ein Wunder – der erfolgreichste Film seiner Zeit. Zugleich war er eine dreifache Premiere: der erste gefilmte Kuss, die erste Nahaufnahme (Close-Up) und die Geburtsstunde der Zensur. Sich öffentlich auf den Mund zu küssen, gehörte sich nicht, Moralwächter witterten Sittenverfall und forderten Aufführungsverbot. Das war abzusehen: May Irwin und John C. Rice, das Leinwandliebespaar, stellten in diesem Film eine Szene nach, die es bereits auf der Bühne in dem Musikstück „The Widow Jones“ dutzendfach vollführt hatte – und schon dafür Entrüstung erntete. Vergrößert auf eine Leinwand war ihr züchtiges Bussi-Bussi eine Obszönität von ungekanntem Ausmaß. Ironischerweise war die Filmauswertung von „The Kiss“ nur Nebensache: Der Dreh war eine Auftragsarbeit der Zeitung New York World. Sie illustrierte anhand der Einzelbilder der Vitascope-Kamera (50 Bilder pro Sekunde) die „Anatomie eines Kusses“. Heute taugt er noch immer als Anatomie der Filmindustrie: Zwei Stars + ein Aufreger = viel Asche.

1915 – Wiedersehen ist Programm

Liebe und Widerstand gehören zusammen wie Licht und Schatten. Wie sinnbildlich ist da Alexandre Dumas’ Buch „Die Kameliendame“ von 1848 über eine Pariser Kurtisane, die den, den sie liebt, nicht lieben darf, aber deren Liebe doch alle Wirren übersteht. Verdi hat daraus seine Oper „La Traviata“ gemacht – Hollywood den Stummfilm „Camille“, und das gleich viermal: 1915, 1917, 1921 und 1927 (als Tonfilm erlebte er freilich noch weitere Wiederauferstehungen). Ein Meilenstein in der Geschichte des romantischen Films. Und, ja, auch das sogenannte Remake verdankt seine reale Existenz dem unstillbaren Verlangen des Herzens: Sehen wir uns wieder?


Liebe mit Hindernissen ist aufregender als ohne

Die Romanze zwischen einfachen Menschen in einem einfachen Leben ist eine moderne Erfindung. Das Theater hingegen setzte, nicht erst seit Shakespeare, lieber auf gewaltige Stoffe voller Sensationen und extremer Charaktere, und der Film tat es ihm gleich. 1916 drehte der umstrittene Regisseur D. W. Griffith sein Mammutwerk „Intolerance“, das bis heute als größte Leistung der Stummfilmära gilt. Es spinnt vier Geschichten aus vier Zeitaltern zu einer großen Schlacht des Hasses gegen Liebe und Menschlichkeit. Im Mittelpunkt: die Liebe zwischen einer bettelarmen, tierfellgewandeten Frau und einem babylonischen Prinzen. Mit 2 Mio. Dollar Produktionskosten (im Jahr 1916 ein gewaltiger Haufen Zunder) war er der teuerste Film aus der Frühzeit des Kinos. Er blieb relativ erfolglos, weil er erzählerisch und technisch extrem anspruchsvoll war und weil der Erste Weltkrieg dazwischen kam. Dem „Glöckner von Notre Dame“ (1923, Regie: Wallace Worsley) erging es da schon besser. Die Romanze zwischen einem Buckligen und einer Zigeunertänzerin, nach dem Buch von Victor Hugo, gehört bis heute zu den filmischen Urbildern einer Liebe, die jede Grenze überwindet.


Latin Lovers und Lady Vamps

Womit verbinden Sie den Namen Rudolph Valentino? Mit dem Bild eines liebeshungrig lodernden Liebhabers von latinischem Temperament? Volltreffer! Genau das war er seit seines ruchvollen Tangos in „Die vier Reiter der Apokalypse“ (1921). Fortan nannte man ihn „Latin Lover“ – der Begriff ist uns bis heute vertraut. Valentino war der größte Star seiner Zeit, ein früher Hybrid aus Antonio Banderas und George Clooney in Hochpotenz. Dass er 1926 mit nur 31 Jahren starb, machte ihn für alle Ewigkeit jung (wie später James Dean).

Seine weibliche Entsprechung hieß Theda Bara, was so viel wie „Arabischer Tod“ bedeutet (ihr bürgerlicher Name war Theodosia Goodman). Ein Name wie ein Programm. Seit ihrer Rolle als sexuell aggressive femme fatale in „A Fool There Was“ (1914), die Männer gefügig macht und bis zur letzten Habseligkeit ausnimmt, galt sie als „The Vamp“ und war das erste Sexsymbol der Filmgeschichte. Eine Filmära ohne Sexsymbol ist bis heute nicht mehr denkbar.


Die Urgroßpaare von Brangelina

Keine Liebelei ohne Tratsch, kein Tratsch ohne Traumpaare. Das, wovon heute hunderte Klatschblätter leben, ist uns kulturell schon lange eingebrannt; die definitiven Bilder dazu lieferte spätestens die Traumfabrik. Und wer darf die Krone des ersten großen Traumpaars des Kinos tragen? Greta Garbo und John Gilbert. In „Es war“ (Original-Titel: „Flesh and the Devil“) legten sie gleich zwei Szenen hin, die das Kino in Aufruhr versetzten: den ersten French Kiss (also das Küssen mit geöffnetem Mund) und den ersten Kuss im Liegen. Wow! Fast unnötig zu erwähnen, dass sie auch im echten Leben miteinander rummachten.

Wem die zwei zu deftig waren, der schwärmte eher für „America’s Lovebirds“, Janet Gaynor und Charles Ferrell. Mit ihrem ersten Film „Das Glück in der Mansarde“ (1927), einer romantischen Liebe zweier ärmlichster Existenzen in Zeiten des Krieges, wärmten sie nicht nur sentimentale Herzen, sondern sahnten 1929 auch gleich 3 der 13 ersten jemals verliehenen Oscars ein (Gaynors ebenfalls 1927 gedrehter Liebesfilm „Sonnenaufgang“ des deutschen Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau gewann im selben Jahr drei weitere Oscars). Gaynor und Ferrell waren noch in 11 weiteren Filmen ein Paar, im echten Leben jedoch nie.


Ab 1930: Liebe, die unsterblich bleibt

Mit der Ankunft eines neuen Traumpaars, das sowohl rassige Erotik als auch zarte Romanzen zu verkörpern wusste, hatte zugleich der Tonfilm das Ruder in Amerika übernommen – und Idole der Liebe geschaffen, die uns heute noch lebendig erscheinen: Clark Gable und Joan Crawford spielten sich von 1931 bis 1940 auf der Leinwand und auch dahinter zum internationalen dream couple Nummer eins hoch. Obwohl keiner ihrer 8 gemeinsamen Filme von herausragender Qualität war. Die Wege der Liebe waren und bleiben eben unergründlich – die der Liebenden selbst, aber auch die des Publikums zu ihren Schwärmen.

Den Kinderschuhen entwachsen, stürzte sich die Filmkunst mit immer neuen Facetten, Mustern und Konstellationen ins weite, wilde, unzähmbare Thema Liebe. Wie, wann und warum, das erzähle ich in kommenden Folgen zur (modernen) Geschichte des romantischen Films.

Jetzt gibt es erstmal Frühlingserwachen auf Kabel eins CLASSICS mit diesen Höhepunkten:

Mittwoch, 22. April, 20:15h
Schlaflos in Seattle
(„Sleepless in Seattle“) USA 1993, Regie: Norah Ephron, mit: Tom Hanks, Meg Ryan, Ross Malinger

Samstag, 25. April, 20:15h
Frankie und Johnny
(„Frankie and Johnny“) USA 1991, Regie: Garry Marshall, mit: Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Hector Elizondo

Montag, 27. April, 20:15h
Seite an Seite
(„Stepmom“) USA 1998, Regie: Chris Columbus, mit: Julia Roberts, Susan Sarandon, Ed Harris