Ein Schelm, Rebell und Pechvogel

Zum Geburtstag von Steve McQueen

Männer wollten wie er sein, Frauen wollten mit ihm sein. Sie wollen es noch heute. Doch jeder Held hat eine tragische Seite. Er hatte mindestens zwei. Am 24. März wäre Steve ,King of Cool‘ McQueen, 85 Jahre alt geworden.

Allein sein Gesicht ist eine Ikone. Kein Schauspieler vereinte darin mehr Schönheit, Charakter und Unverwechselbarkeit als Terence Steven McQueen. Auch fast 35 Jahre nach seinem Tod wird jeder, der sich ein wenig für Kino interessiert, ihn in weniger als einer Sekunde auf einem Bild zuordnen können. Aber wie gut kennen Sie seine Filme? Machen wir die Probe: Woher stammt folgende Szene?

Steve McQueen liegt Nacht für Nacht wach, weil sein Nachbar aus seinem Badezimmer eine Lichtinstallation gemacht hat, die bis früh morgens hell und bunt in McQueens Schlafzimmer flutet. Eines Nachts nimmt er ein Gewehr, geht hinüber, schießt durchs Fenster hindurch die Lichter aus, trinkt noch ein Bier und schläft seelenruhig ein.

Filmreif. Doch diese Szene ist aus Steve McQueens Privatleben. Der Schauspieler, der in den sechziger Jahren dank Filmen wie „Die glorreichen Sieben“, „Cincinnati Kid“ und „Bullitt“ zum größten männlichen Filmstar aufstieg (und in den 70ern mit „Getaway“ und „Papillon“ zum bestbezahlten wurde), wollte am Ende seiner Karriere nur noch in Ruhe gelassen werden. Von Hollywood, von der Presse, von jedwedem Rummel und Menschen im Allgemeinen – und von seinem irren Nachbarn (der übrigens Keith Moon hieß und Schlagzeuger von The Who war). Seine Karriere bedeutete ihm nichts, er war weder stolz auf sie noch darüber glücklich.


Ein Leben ohne Vater

Er wollte einfach nur Mann sein. So fasste seine dritte Ehefrau Barbara Brunsvold (heute Minty) sein Leben zusammen. Ein Leben, das 1930 in einer Kleinstadt im Bundesstaat Indiana unter miesen Bedingungen begann. Sein Vater, ein Stunt-Pilot eines Flugzirkus, suchte noch vor seiner Geburt das Weite; seine Mutter – alkoholkrank. Er wurde hin und her geschoben, Onkel, Mutter, Erziehungsheime. Seine große Klappe sorgte laufend für großen Ärger, bis hin zu Schlägereien mit seinem Stiefvater. Bis er mit 17 zu den Marines ging, wo er zum ersten Mal beweisen konnte, dass er was kann – und wo jemand darauf auch Wert legte. Er bewährte sich. Mit seiner Entlassungsurkunde und dem Ausbildungsgeld der Army ging er als 20-Jähriger auf eine Schauspielschule, nebenher verdiente er Geld mit Motorradrennen. Er wurde ein exzellenter Pilot. Doch die Rennen und sein Militärdienst brockten ihm das Unheil seines frühen Todes ein: Er war in jener Zeit ständig Asbest ausgesetzt, beim Reparieren von Militärgerät und in den Schutzanzügen der Rennfahrer. Der Krebs, an dessen Folgen er mit 50 starb, war eindeutig darauf zurückzuführen.

Schauspieler oder Hochstapler?

In 29 Spielfilmen wirkte Steve McQueen mit, in 24 davon hatte er die Hauptrolle. Seine Schauspielkarriere begann jedoch auf einer Theaterbühne (in einer Rolle mit einer einzigen Textzeile: „Allez iz forloren“) in New York, sein Durchbruch in Hollywood kam mit einer TV-Serie („Wells Fargo“). Die erste Hauptrolle hatte er in der Horrorkomödie „Der Blob“ – vielleicht die merkwürdigste Fußnote seiner Laufbahn.

Was Steve McQueen von Anbeginn auszeichnete, war seine lakonische Art, also jener Zug von Menschen, die ihre Sprachlosigkeit (oder ihre Unlust auf ein Gespräch) möglichst teuer verkaufen – sei es als Geheimnis, als Arroganz oder als psychologisches Mittel der Macht. Gleichzeitig war er ein lauter, zuweilen großmäuliger Kerl. Wie ging das zusammen? In eben dem, was Steve McQueen zum Inbegriff der Coolness werden ließ. Coolness ist nicht das Auftreten eines Betonklotzes. Coolness ist: Viel innere Regung, Machen und Anpacken, Gestenreichtum, Mienenspiel; aber niemals ein Wort mehr verlieren als unbedingt nötig. Solche Menschen bringen andere um ihren Verstand, im negativen wie im positiven Sinn. Steve McQueen brachte Coolness als Persönlichkeitsmerkmal mit. Egal was er spielte, er war immer Steve McQueen. Seine Rollen waren Steve McQueen. Seine Filme waren Steve McQueen. Das kann man bemängeln (weil es allen Schauspiellehren widerspricht) oder bewundern (weil es immer wieder aufs Neue fesselt). Fest steht: Es hat funktioniert. Gehört auch keiner seiner Filme zum unverzichtbaren Inventar der Kinogeschichte – er als Schauspieler gehört es ganz zweifellos.


Die Jahre nach “Papillon”

Mit einem Horrorfilm begann seine Hochphase, mit einem Katastrophenfilm klang sie aus. „Flammendes Inferno“, der 1974 verrückt viel Geld an den Kassen machte, war der letzte vor seinem Rückzug aus der Celebrity-Welt.

1977 machte Steve McQueen etwas, wovon Männer und Frauen träumen, auf jeweils ihre Art: Er ließ ein Model, das er in einer Werbung sah, zu einem Vorsprechen einladen, für eine Rolle in seinem nächsten Film, „Ich, Tom Horn“, den er selbst produzierte. Die Einladung war ein Vorwand. McQueen wollte sie als Lebensgefährtin. Barbara Brunsvold sagte zwei Stunden nach dem Treffen zu ihrer Agentin: „Ich werde diesen Mann heiraten.“

Sie tat es wirklich. Wenige Monate vor seinem Tod heiratete Steve McQueen die Frau, mit der er seine letzten drei Lebensjahre in Abgeschiedenheit verbrachte und seinen skurrilen Hobbys als Auto-, Flugzeug- und Vintage-Sammler teilte; mit der er in einem Haus am Strand lebte, dann in (!) seinem Flugzeughangar und zuletzt in einem Berghaus in Santa Paula, Kalifornien. Zur Hochzeit kamen nur zwei Gäste: Steves Fluglehrer und dessen Frau.


The End

Steve McQueen hielt um Barbaras Hand an, nachdem Ärzte ihm den baldigen Tod voraussagten. Typisch Mann ließ er seinen Husten erst untersuchen, als es zu spät war, und auch das nur auf Drängen seiner Frau. Abfinden mochte er sich damit nicht. In einem mexikanischen Quacksalber fand er das rebellische Pendant zu sich selbst: Nachdem alle kalifornischen Kliniken eine Behandlung wegen Aussichtslosigkeit ablehnten, versprach ihm dieser die Heilung mit Kaffee und Vitaminen. Zuletzt ließ er sich einen inoperablen Tumor aus der Leber entfernen. Kurz nach der OP verstarb er an einem Blutgerinnsel. Steve McQueen hatte verfügt, verbrannt und über den Pazifik verstreut zu werden. Es sollte kein Grab geben.

Er hat bis zuletzt im Einklang mit seiner rebellischen, unbeugsamen Natur gelebt, und so ist er auch gestorben. In Bewunderung für seinen festen Charakter und für unvergesslich starke Bilder eines Mannes, der sich Normen so geschickt angepasst hat wie er sie ablehnte, gedenke ich heute einem einzigartigen Idol: Steve McQueen, Schauspieler und Lebemann.


Steve McQueen auf kabel eins CLASSICS

Dienstag, 24. März, 20:15 h
“Gesprengte Ketten”, USA 1963

Steves’ 7 Beste Filme

Die glorreichen Sieben (1960)
Gesprengte Ketten (1963)
Verliebt in einen Fremden (1963)
Kanonenboot am Yangtse-Kiang (1966)
Bullitt (1968)
Getaway (1972)
Papillon (1973)