John Carpenter - Er lebt!

Warum wir den Horror-Regisseur niemals aufgeben werden

„Halloween“ von 1978 ist ein Pflichtstreifen. Auch für Filmfans, die Horror hassen. Es ist nicht das einzige Werk, mit dem John Carpenter das Kino geprägt hat.

In einer Ausgabe der Zeitschrift Film Comments von 1999 wird John Carpenter mit den Worten zitiert: „In Frankreich bin ich ein Autor. In Deutschland ein Filmemacher. In Großbritannien ein Horror-Regisseur. In den USA bin ich ein Penner.“ Im Großreich der vermeintlichen Saubermänner und Jugendschützer fällt er zuallererst als Kettenraucher auf. Außerhalb der Staaten gilt er jedoch als einer der einflussreichsten Regisseure seit 1976. Hollywood kann sich viel auf seine Oscars einbilden – ein tiefes Verständnis für einzigartige Talente hat die Traumfabrik nicht, solange die keine Multimillionen Dollar in die Kassen spülen. Blockbuster hatte Carpenter nie („Halloween“ spielte zwar das 200-fache seines Budgets ein, doch das betrug nur 300.000 Dollar). Und doch war er das, was man einen game changer nennt: Das Spiel wurde fortan nach seinen Regeln gespielt.

HORRORFILME MACHEN IHREM NAMEN EHRE – AN DEN KASSEN

Die Erinnerung an seine beste Zeit wurde nach und nach von schlechteren Filmen getrübt. John Carpenter, heute 67 Jahre alt, hatte seine Genie-Phase zwischen 1976 und 1982. Mit „Halloween“ (1978) wurde er weltberühmt, sein „Ding aus einer anderen Welt“ (1982) zählt zu den zehn besten Horrorfilmen aller Zeiten. Und Horrorfilme sind schwierig. Filmfreunde verschmähen sie. Meist handelt es sich um Machwerke, die sich auf einfache Effekte und schaurige Bilder beschränken, jedoch Charakterbildung und Handlungsmotive vernachlässigen. Außerdem steht für sie wenig Geld zur Verfügung, und das sieht man ihnen an. Produzenten scheuen das finanzielle Risiko. Kino lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda. Wann haben Sie zuletzt einen Freund über einen Horrorfilm schwärmen hören: „Da musst du reingehen, der ist sooo toll!“? Schlechte Aussichten für das Genre. Wem es trotzdem gelingt, eine schön schreckliche Geschichte zu erzählen, der ist was? Genau: ein Künstler! Künstler sind unter Filmemachern selten. Noch seltener sind sie erfolgreich. Am seltensten schreiben sie Geschichte.

B WIE: BRILLANT, BESTER, BRAVO!

John Carpenter ist ein solcher Künstler. Mit relativ wenig Geld erschuf er Welten, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. Seine niedrigen Budgets (in Verbindung mit meist paranormalen Themen) sind der Grund, warum viele ihn für einen B-Filmer halten. Ein Missverständnis. Seine Einfachheit der Mittel sind Berufung und Ausdrucksmittel zugleich. Bob Dylan lässt sich ja auch nicht von Pharrell Williams produzieren. Einfache Mittel sind einfach Carpenters Sache. Und vieles kommt aus (s)einer Hand: Neben der Regie übernimmt er weitere Aufgaben, schreibt seine eigenen Drehbücher, komponiert die Filmmusik, macht Filmschnitt und spielt selbst (maskiert) mit, bevorzugt als Helikopter-Pilot.

Carpenter, der Horror-Regisseur? Lächerlich. Carpenter drehte Science-Fiction-Filme, Mystery-Abenteuer, Alien-Spuk, Action-Thriller, Vampirmärchen, und mit „Big Trouble in Little China“ hat er sogar eine Komödie geschaffen, die zu seinen vier besten Arbeiten überhaupt zählt. Und dann ist da noch dieser eine Film, der mit seinem ungewöhnlichen Hauptdarsteller, den handgemachten Effekten und dem sexuellen Unterton mit nichts zu vergleichen ist: „Christine“ (nach Stephen King), die eifersüchtige Schönheit aus der Fabrik, die jeden tötet, der ihrem Liebsten zu nahe kommt. Sie kennen Christine nicht? Christine ist ein Plymouth Fury – ein Auto aus dem Jahr 1957 mit spektakulärem Wimpernzug.

DER SCHRECKEN VOM RIO BRAVO

Das vielleicht Erstaunlichste am Gesamtwerk von John Carpenter: Es ist hauptsächlich vom Regisseur Howard Hawkes (1896–1977) inspiriert. Und der hatte mit Horror fast nichts am Hut. Gut, „Das Ding aus einer anderen Welt“ hatte er zuerst gedreht – 31 Jahre vor Carpenters Version. Aber sonst? War er genau so ein Tausendsassa. Drehte Komödien, Kriegsdramen, Abenteuerschinken, Ganovenfilme und Western. Ausgerechnet „Rio Bravo“ mit Haudegen John Wayne ist der Streifen, der Carpenter in allen Belangen inspiriert hat (Lästerer sagen, „Rio Bravo“ wäre die Schablone für jeden Carpenter-Film). Was vereint die beiden? Es ist das Schaffen selbst. Das Handwerk(en). Und das Talent, reihenweise Klassiker zu schaffen, egal worum sich ein Film dreht. Das ist die Kunst, das macht den Künstler aus. Franzosen verwenden dafür den Begriff auteur.

WAS MACHT EIN ANARCHIST MIT GELD? ER VERBRENNT’S.

Die Essenz aller Carpenter-Filme? Isolation, Belagerung, Paranoia, Außenseiterhelden. Und dass er, anders als beispielsweise Stanley Kubrick oder Steven Spielberg, seine Arbeit stets der Unterhaltung unterordnete – was ihm vielleicht am ehesten zum Vorwurf zu machen ist. Denn seine Geschichten bargen genug sozialkritischen Stoff, um den Planeten in die Luft zu jagen. Doch er, der Anarcho-Regisseur, machte sich höchstens über den Anspruch seiner Kollegen lustig, wenn die mal wieder ihre Filme als Kommentar zur Zeitgeschichte verstanden wissen wollten. Und so geschah, was geschehen musste, als Carpenter 1982 seine Unabhängigkeit aufgab und für Hollywood arbeitete: Er hatte richtig Patte auf Tasche – musste sich aber dem Massengeschmack anbiedern. Wie sollte einer, der selbst Regeln aufstellte, sich anderen Regeln unterordnen? Carpenters Filme aus der Studio-Ära waren seltsame Schöpfungen: unterhaltsam, dramaturgisch erstklassig, aber billig in der Auflösung. Kurz gesagt: Er hat Themen verschenkt.

AM ENDE ÜBERLEBT IMMER DIE JUNGFRAUCARPENTER AUCH

So blieb es beim guten Handwerk. Zumindest was die Meisterhaftigkeit des Spannungsaufbaus betrifft, gibt es außer Alfred Hitchcock keinen, der Carpenter das Wasser reichen könnte. Und was er mit „Halloween“ losgetreten hat, kann ihm keiner mehr nehmen: Die Urmutter aller Slasher-Filme fasste die für das Genre bis heute gültigen Regeln zusammen, zum Beispiel dass Jungfrauen nicht sterben, sehr wohl aber, wer zu Drogen, Sex und Übermut neigt.
Keiner erwartet, dass Carpenter noch einmal etwas wie „Halloween“ gelingt (die tatsächlich gedrehten Sequels hat Carpenter immer abgelehnt). Aber auf neuen Carpenter-Stoff sind seine Fans trotzdem scharf. Und der dürfte kommen: in Form der Comic-Verfilmung „Darkchylde“ und als TV-Serie – „John Carpenter’s Hell Gate“. Das stellt zumindest die Produzentin Sandy King in Aussicht. Und die muss es eigentlich wissen. Sie ist John Carpenters Ehefrau.

John Carpenter auf kabel eins CLASSICS

26.02. | 20.15 Uhr | Ghosts Of Mars

John Carpenters Beste

Assault – Anschlag bei Nacht (1976)
Halloween – Die Nacht des Grauens (1978)
Die Klapperschlange (1981)
Das Ding aus einer anderen Welt (1982)
Big Trouble in Little China (1986)
Sie leben! (1988)
Die Mächte des Wahnsinns (1994)