Babs, die letzte Kaiserin

Eine Liebeserklärung an Barbra Streisand in fünf Akten

Die erfolgreichste Entertainerin der Welt wird auf absehbare Zeit auch die letzte bleiben. Über eine Liebe, die in Jahrzehnten reifte – unbeeinflusst von Trends und Tollerei.

Am 30. Juni 2007 war es dann doch so weit: Wie ein lang ersehnter Friedensschluss wirkte das erste Konzert von Barbra Streisand auf deutschem Boden. Sie, der jüdische Weltstar aus Williamsburg, New York, hatte sich einst in den Kopf gesetzt, niemals im Land der Täter auftreten zu wollen (so wie viele jüdische Künstler). Dass dieser erste und einzige Auftritt in Deutschland auch noch auf Hitlers Waldbühne stattfand, machte ihr so plötzlich entspanntes Verhältnis zu unserem Land noch ein wenig verstörender. (Streisand besuchte Deutschland allerdings schon einmal im März 1984, als sie auf einer Pressekonferenz in Hamburg für ihren Film „Yentl“ warb.) Und erst nachdem das Publikum staunte, wie sicher sie einige Begriffe auf Deutsch beherrschte, stellte man hierzulande verwundert fest, dass die Familien ihrer Eltern aus Österreich stammten.

  • 1968 – Das „Funny Girl“ erobert Deutschland: Die Deutschen hatten Barbra Streisand bereits in ihr Herz geschlossen, da war an einen Besuch der Diva mit ihrer heuer 57 Jahre währenden Bühnenkarriere noch gar nicht zu denken. Längst war sie in den USA ein gefeierter Broadway- und Schallplattenstar (ihr erstes Werk, „The Barbra Streisand Album“, gewann 1963 drei Grammys – 2006 einen vierten – und blieb zwei Jahre in den US-Charts), als sie mit ihrem ersten Film „Funny Girl“ auch in Deutschland begeisterte: Dramatisch, laut, grell und doch von nobler Güte und Unbeirrbarkeit spielte sie die Rolle der jüdischen Komikerin Fanny Brice. Und sie hatte Sex-Appeal, den ihr schon damals viele nicht zugetraut hätten, nicht einer Frau mit diesem Silberblick und dieser markanten Nase.
  • 1975 – Im Showbiz-Himmel angekommen: Sieben Jahre nach ihrem Kinodebüt und siebzehn Jahre nach ihren ersten Auftritten als Nachtklubsängerin, gehörte sie schon zu den größten Verdienern im Showbiz. Umgerechnet 190.000 Euro musste damals bezahlen, wer sie für einen (!) Auftritt in Las Vegas buchen wollte. Es war das Siebenfache dessen, was Elvis Presley bekam. Ende der 70er war sie nicht nur der weibliche Star des New Hollywood, sondern die größte Pop-Ikonin der Welt. Sie hatte den Ruch des Variétés, sie hatte Humor und sie hatte große Klasse.

1. Las Vegas in Schwäbisch-Hall

Ich habe es im Grundschulalter so erlebt: Barbra Streisand krönte die besonderen Tage zu Hause. An Familiensonntagen oder zu Abendempfängen mit vielen Gästen legte mein Vater „Guilty“ auf, Barbra Streisands 28. (!) und bis heute erfolgreichstes Album. Auch ich, der generationenvertraglich ordentlich rebellierte und eher derber Disco- und Rockmusik zugeneigt war, hatte nichts dagegen einzuwenden: Die Songs auf „Guilty“ waren klug komponiert, modern, mit überirdischer Leidenschaft vorgetragen und sie wussten behutsam zu experimentieren. Es war eine schüchterne, aber neugierige Erotik, die Barbra Streisands Musik jener Zeit zum Funkeln brachte. Sie brachte Las Vegas nach Bauspar-Deutschland.

2. Mit gesundem Mittelmaß zur Weltherrschaft

Das Geheimnis ihrer Größe ist nicht in einem besonderen Genie zu suchen, sondern im Fehlen eines ebensolchen. Barbra Streisand war nie die allerbeste Schauspielerin, nie die fähigste Sängerin, und ihre Kreativität hatte für einen Star ihres Formats enge Grenzen. Ganze zehn Lieder hat sie in ihrem Leben selbst komponiert. Und doch war sie in allem, was sie tat, in der Lage, ein großes Publikum davon zu überzeugen, dass sie eine Künstlerin von allerhöchstem Rang wäre. Nicht umsonst ist sie die einzige Sängerin, der es in sechs aufeinander folgenden Jahrzehnten gelang, mindestens eine Nummer eins in den US-Charts zu platzieren. Streisand brauchte eine eigentümliche Mischung aus Talent, Selbstinszenierung, Glück und ganz besonders Beständigkeit, damit sie als Interpretin von höchstens überdurchschnittlicher Qualität und mit mittelmäßigem Aussehen einen Glanz entwickeln konnte, dem selbst diejenigen erliegen, die um ihre Mittelmäßigkeit wissen.

3. Der Kitsch hat Würde

Um zu verstehen, warum Madonna niemals die Größe einer Barbra Streisand erreichen wird, hilft der Blick auf ein Detail: Streisand hat nie einen Hehl aus schmerzlichen Rückschlägen und ihrer Verletzlichkeit gemacht, sondern sie in all ihren Darbietungen geadelt – ob ein halbes Konzert lang als barfüßiges Aschenputtel; oder unterwürfig und offenherzig in schmerzvollen Liedern, die sie selbst holprig am Klavier begleitet. Derlei Ideen sind der Perfektionistin Madonna fremd (weshalb sie, bei aller Bewunderung, auch der Welt fremd bleibt). Noch etwas: Bei Barbra Streisand hat der Kitsch Würde. Weil ihr Repertoire künstlerischer Glanzpunkte so umfassend und vielschichtig ist, dass Kitsch darin einen glaubwürdigen Platz findet.
Wem gelingt das schon? Am Ende bleiben zwei andere große Unterhalterinnen, die Barbra Streisand das Wasser reichen konnten:

  • Judy Garland (in deren TV-Show die junge Streisand einst auftrat und mit ihr sang); ihr blieben jedoch die Möglichkeiten versagt, die ein All American Girl wie die Streisand mit ihrem feministischem Selbstbewusstsein hatte.
  • Und da wäre Liza Minnelli, die Barbra eigentlich in allen Belangen überlegen war, aber in ihren Rollen zu überspitzt wirkte, um ewige Nummer eins zu werden.

4. Die heimliche Streitbare

Was nur wenige wissen: Streisand mag mit ihrem Gesamtwerk bis heute als konservativ gelten – politisch gehörte sie stets zu den streitbaren linksliberalen Künstlern Amerikas, die Präsident Nixons Feindesliste ebenso zierte wie sie bei den späteren republikanischen Präsidenten Reagan und Bush aneckte. In einer Rede vor Harvard-Studenten hielt sie 1994 ein flammendes Plädoyer für die politische Einmischung von Künstlern.

5. Die Kaiserin der Unterhaltung über s-e-c-h-s Jahrzehnte

Vielleicht liegt die Erklärung für ihre unangefochtene Stellung als Kaiserin der Unterhaltung in einer ganz banalen Tatsache: dass sie kam, blieb und immer da war. Dass sie sich immer anbot. Auch wo man sie nicht erwartete. Und wo sie war, war sie gut, und das nun schon sechs Jahrzehnte lang.
Ich gebe es ungern zu, aber ich kann mir ein Leben ohne die Streisand kaum vorstellen. Sie steht für die beruhigende Gewissheit, dass in der hysterischen Welt des Entertainment einige unverrückbare Gesetze herrschen. Und natürlich Babs.

Streisands Beste

Alben

The Barbra Streisand Album (1963)
People (1964)
My Name Is Barbra (1965)
A Christmas Album (1967)
Barbra Joan Streisand (1971)
Guilty (1980)
The Broadway Album (1985)
The Concert (1994)

Filme
Funny Girl (1968)
Hello, Dolly! (1969)
Is’ was, Doc? (1972)
Cherie Bitter (1973)