Western und Wahrheit (1)

This is not America

Auftakt zu einer Serie: War der Westen wirklich wild? Ein Paradies für Banditen? Unberührtes Land mit lästigen Indianern? Waren Orte mit zehn Bretterbuden die Wiege amerikanischer Großstädte?

Als ich mich jüngst über die bizarren Auswüchse in den Django-Filmen amüsierte, schäumten in mir die Zweifel höher als sonst: Bilderbuchlandschaften, Abenteurer und Feuerwasser schön und gut, aber was ging im Wilden Westen wirklich ab? Mein Oberstübchenkino ist gewiss nicht das einzige, dass beim Stichwort „Western“ die immer gleichen unscharfen Szenen zeigt: Cowboys … Indianer … Pferde … Saloons … Eisenbahnen … alle schießen aufeinander, am Ende reitet der weiße Mann mit Gold, Frau und Farm in den Sonnenuntergang, Rest tot. Ist das nicht die Essenz von Western? Wohl eher ein C-Movie mit Erinnerungslücken groß wie Wagenräder.

Als Kind waren Western für mich grandiose Rollenspiele, die meine Fantasie anregten und die ich einmal im Jahr an Fasching nachspielte. Ich hatte über hundert Western gesehen, als mir erstmals bewusst wurde, dass es diese Ära ja wirklich gab. Und es hat nochmal hundert Western gedauert, bis ich mich erstmals fragte, ob im echten Nordamerika nicht einiges anders lief.

112 Jahre Geschichtsverzerrung

Wer ein bisschen forscht, findet in Western-Filmen mehr Klischees als Bleikugeln. Manche stimmen, andere kaum, einige sind einfach nur hanebüchen. Die Indianer waren nicht (nur) die wilden Hippies, die unter hübsch bestickten Tierhäuten zelteten – solche Freaks findet man eher auf dem Coachella Festival. Cowboys waren keinesfalls die Helden, die Indianern den Garaus machten – sie hatten mehr Glück als Verstand und Munition zusammen. Und das Land, das die Siedler aus Europa betraten, war alles andere als eine verwilderte, ungezähmte Wald-, Fels- und Wüstenwelt.

„Wilder Westen“ = wilde Natur?

Fangen wir gleich damit an. Der „Wilde“ Westen bezieht seinen Ruf nicht nur aus der Gesetzlosigkeit späterer raubeiniger Gesellen, sondern bereits aus der Zeit der ersten Pilger, die an der Ostküste landeten (die von ihnen aus gesehen schon der Westen war). Damals sprach man noch von der „New World“, der Neuen Welt. Und die wurde von manchem Schriftsteller zu einer gottgewaltigen Landschaft verklärt, die einem nicht nur den Atem, sondern auch bald das Leben raubte, wenn man sie nicht zu beherrschen wusste. Viele Westernfilme beschrieben die Natur dieser neuen Welt später als Dickicht von furchteinflössenden Bäumen und schroffer Unwegsamkeit. Doch historisch belegt sind ganz andere Beschreibungen.

Schrebergärten at its best!

Die Siedler waren vielmehr schockiert davon, wie einladend die Landschaft war und wie leicht sie es ihnen machte, sie sich zu unterwerfen. Sie konnten ihr Glück kaum fassen: Statt sperrigen Gehölzes stießen sie auf ein Land, das an sorgsam angelegte englische Parks erinnerte. Die Wälder des Ostens empfingen die Neuankömmlinge mit einem kunterbunten Mengsel aus Schrebergärten, Brombeerpromenaden, Pinienflächen und luftigen Hainen voller Kastanien-, Hickorynuss- und Eichenbäume. Die Wagen, mit denen Siedler ihre Reise ins Landesinnere antraten, passten bequem hindurch, stellenweise hätte auch eine geschlossene Armee durchmarschieren können. Das zog sich so hin bis ins heutige Ohio. Aber wie konnte das sein?

Plymouth Rock – ein gemachtes Nest.

Die Aussteiger, die 1620 an der Ostküste landeten, ließen sich keineswegs in Plymouth (im heutigen Massachusetts) nieder, weil es direkt am Wasser lag und eigentlich jede weitere Suche nach einem hübschen Plätzchen erübrigte. Nein, sie entschieden sich nach einigem Auf und Ab entlang der Küste für diesen Ort, weil sie dort gepflegte Felder, frisch gepflanzten Mais und einen nützlichen Hafen vorfanden. Wie bitte? Ganz genau: Plymouth Rock war eine gerade erst verlassene Stadt. Und ihre Gründer waren keine Weißen! Das Land, das die Siedler aus Europa reklamierten „entdeckt“ zu haben, war bereits nach allen Regeln der Kunst jener Zeit bestellt und gepflegt gewesen. Womit wir schon beim nächsten Mythos wären: Indianer lebten in Zelten und zogen umher wie Nomaden? Sagen wir so: Das konnten sie auch. Mehr dazu beim nächsten Mal.

In der nächsten Folge:
Der rote Sklave Squanto und die englischen Sklaven von Jamestown: Wie Indianer den Weißen das Land bereiteten – und ihnen erklärten, wie sie dort überleben.

Western im Februar bei kabel eins CLASSICS:

13.02. 20:15h: Der Ritt nach Alamo, 1964, R: Mario Bava, D: Ken Clark, Jany Clair
13.02. 21:35h: Djangos blutige Spur, 1972, R: Tanio Boccia, D: Richard Harrison, Anita Ekberg
13.02. 23:05h: Django spricht das Nachtgebet, 1968, R: William Hawkins, D: Anthony Steffen, Robert Hundar
14.02. 02:25h: Zwiebel-Jack räumt auf, 1975, R: Enzo G. Castellari, D: Emma Cohen, Franco Nero
18.02. 00:00h: Coogans großer Bluff ,1967, R: Don Siegel, D: Clint Eastwood, Lee J. Cobb, Susan Clark
20.02. 15:15h: Auf der Kugel stand kein Name,1959, R: Jack Arnold, D: John Gant, Charles Drake, Joan Evans
20.02. 20:15h: Jonny Madoc rechnet ab,1967, R: Maurizio Lucidi, D: Robert Woods, Emo Crisa
20.02. 21:35h: Stinkende Dollar,1968, R: Roberto Bianchi Montero, D: Monty Greenwood, Jacques Herlin, Gabriella Giorgelli
27.02. 20:15h: Für einen Sarg voll Dollars,1971, R: Miles Deem, D: Klaus Kinski, Hunt Powers
27.02. 23:20h: Django – Unersättlich wie der Satan,1969, R: Léon Klimovsky, D: Richard Wyler, Brad Harris