Zum 90. Geburtstag Paul Newmans

Staatsfeind Nr. 19 - Seine unglaubliche Lebensgeschichte

War er der schönste Schauspieler, den die Welt je sah? Meistens ja. Was katapultierte ihn in den Olymp menschlicher Vorbilder? Seine "Küchen-Rolle“. Die packende Geschichte eines fast perfekten Mannes – und das Rezept, das ihn zum Multimillionär machte, der sein Geld verschenkte.

Seine blauen Augen waren einzigartig. Dabei war er selbst farbenblind. Zum Glück, denn sonst hätte er wohl Karriere als Pilot in der US Navy gemacht. Paul Leonard Newman, geboren am 26. Januar 1925 nahe Cleveland, Ohio, kämpfte zwar noch im Zweiten Weltkrieg als Funker und Heckschütze an Bord von Torpedobombern, doch mangels Eignung stand ihm der Himmel nur begrenzt offen. Er musste einen anderen Weg suchen, um das verhasste Sportartikelgeschäft seines deutschen Vaters an den Nagel hängen zu können. Also spielte er, der schon als Schüler gern auf Bühnen stand, an der Yale University School of Drama vor – und wurde auf Anhieb genommen. Es dauerte nicht lange, bis zwei Schauspielagenten ihn dort ins Visier nahmen. Paul Newman zog nach New York und schlüpfte in Fernseh- und Broadway-Rollen. Erst mit 29 drehte er seinen ersten Streifen, „Basilus – Held von Rom“. Es war eine Gurke von einem Film, ein Desaster. Newman schämte sich so sehr für sein Kostüm (ein griechisches Cocktail-Kleidchen), dass er ständig der Kamera auswich; seinen Text sprach er mit der Inbrunst einer Zugdurchsage für Haltestellen.


Wer über sich selbst lacht, lacht am längsten

Jeder andere wäre danach erledigt gewesen. Doch Paul Newman war selbstsicher genug zu wissen, dass nicht er, sondern der Film der Krepierer war. Und er entschuldigte sich bei allen, die ins Kino gegangen waren, um ihn zu sehen: mittels einer ganzseitigen Anzeige im Filmblatt Variety.
Newman konnte weder anderen noch sich selbst etwas vorgaukeln. Seine Ehrlichkeit, sein Humor und seine klare Sicht auf die Dinge waren Qualitäten, die ihn zeitlebens oben hielten. Trotz „Basilus“ stieg Newman zu einem der erfolgreichsten Schauspieler auf. Nur zwei Jahre später bewies er sein wahres Format in „Die Hölle ist in mir“. 1958 der internationale Durchbruch mit seinem achten Film: „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, in einer Rolle, die für Elvis Presley vorgesehen war.

Von Beginn an spielte er fast nur Hauptrollen, in insgesamt 38 Spielfilmen. In den Jahren 1969 und 1970 war er der erfolgreichste Schauspieler der Welt, keiner garantierte mehr Geld an den Kinokassen. Zehn Mal war er für den Oscar nominiert – nur zwei männliche Schauspieler konnten das bis heute übertreffen (Jack Nicholson und Laurence Olivier). Seinen ersten und einzigen Oscar als bester Darsteller erhielt er spät, 1986 für „Die Farbe des Geldes“, doch Filmpreise sammelte er zuhauf, 43 insgesamt. Sein kommerziell erfolgreichster Film war auch zugleich sein letzter, ein Jahr vor seinem Tod, und er ist nicht mal mehr darin zu sehen: In der Pixar-Animation „Cars“ (2007) spricht er den alten Rennhelden Doc Hudson.


Die unglaublichen Hobbys eines Millionärs

„Cars“ als Abschlusswerk von Newmans Filmleben ist eine Ironie der Geschichte. Denn Autorennen waren nach der Schauspielerei sein drittes Leben. Seit dem Film „Indianapolis“ (1969) widmete er sich dem Autorennsport, gründete eigene internationale Renn-Teams und fuhr selbst Rennen. Sein größter Erfolg machte ihn besonders in Deutschland noch beliebter: als er 1979 an der Seite des Deutschen Rolf Stommelen Silber gewann beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

1982 begann er ein viertes Leben (ohne Film und Asphalt aufzugeben). Der leidenschaftliche Hobby-Koch entwuchs seiner Küchen-Rolle und wurde Lebensmittelfabrikant. Die Idee: gute, also wirklich gute Fertigsoßen für alle. Die Sache begann als Witz – und geriet außer Kontrolle. „Newman’s Own“ wuchs zu einem Multimillionen-Dollar-Unternehmen. Allerdings gibt es kaum ein zweites, das so selbstlos agiert. Dass Paul Newmans Nudel- und Salatsoßen sein Konterfei trugen, war zwar Teil des Plans, aber auch eines Problems: „Wenn du einmal dein Gesicht auf einer Flasche Salat-Dressing gesehen hast, ist es schwer, dich selbst noch ernst zu nehmen“, gab der Schauspieler in einem Interview zu. Seine Konsequenz, um nicht als „Hure“ (Zitat Newman) auf einem Label zu enden: Jeder Cent Überschuss wird wohltätigen Zwecken gespendet. In diesem Sinne wird das Unternehmen auch heute noch geführt. Über 400 Millionen Dollar Gewinn (!!!) sind seither gespendet worden. Auf typisch humorvolle Weise zeigte sich Newman dennoch verärgert, dass seine Soßen mehr Kohle scheffeln als seine Filme. „Da sage noch jemand, das Filmgeschäft sei seltsam“, frotzelte er.


Ein selbstloses Leben

Diese Radikalität im Mutterland des reinen Kapitalismus ist der grellste Beweis für den eigentlichen Charakter von Paul Newman – den, der sein erstes und ganzes Leben ausmachte: Er war ein Philanthrop durch und durch, ein Menschenfreund, der sich von nichts bestechen ließ und sich stets auf die Seite der Schwächeren schlug. Seine Benefiz-Aktionen brachten ihm einen Ehren-Oscar ein (unter anderem gründete er ein großes Camp für schwerkranke Kinder), er engagierte sich politisch für links orientierte Demokraten, war Mitglied von Anti-Waffen-Organisationen, betätigte sich lautstark als Befürworter gleichgeschlechtlicher Ehen und lehnte Filmrollen ab, die zu rechtslastig waren – nur so kam Clint Eastwood zur Rolle seines Lebens, „Dirty Harry“. Es war kein bloßer Witz, als Paul Newman sagte, seine größte Auszeichnung war es, dass ihn der Skandal-Präsident Richard Nixon auf Rang 19 seiner Feindesliste führte.

Ob auf der Leinwand oder im Leben, Paul Newman stand ganz und gar für das Anti-Heldentum des 60er- und 70er-Jahre-Kinos und für jene rebellische Natur, die seine Filmfiguren stets verkörperten. Ausgerechnet er – diese Schönheit von einem Mann, der 1959 als optisches Vorbild für den Green-Lantern-Superhelden Hal Jordan diente, und dem nahezu alles gelang, was er tat – er hätte allen Grund gehabt, den selbstverliebten Geck zu geben. Doch Newman war jede Eitelkeit fremd. Zu Beginn seiner Karriere unterschrieb er Autogrammkarten mit „Marlon Brando“, mit dem ihn viele verwechselten; seinen Oscar als Bester Darsteller nahm er nicht selbst entgegen, weil er zu müde war; mit 75 verbrannte er seinen Smoking, weil er Formelles satt hatte. Und dann zog er auch noch mit seiner Frau von Hollywood nach Connecticut! Connecticut!? „Besser als Montana … und meine Frau und ich haben dort einen schönen Friedhof entdeckt“, parierte er trocken die Häme.


Als Filmheld unersetzlich

Ernst nehmen konnte er sich nur, wenn es darum ging, für Menschen, Freunde und Familie da zu sein. Der Patenonkel von Jake Gyllenhaal hatte als Schauspieler wie als Mensch eine klare Vorstellung davon, was er mit seinem Leben anfangen wollte: „Ich möchte in Erinnerung bleiben als einer, der versuchte, Teil seiner Zeit zu sein; der versuchte, Menschen zu helfen miteinander ins Gespräch zu kommen; der versuchte, etwas Anstand in seinem eigenen Leben zu finden; der versuchte, als menschliches Wesen über sich hinauszuwachsen, als jemand, der nicht selbstgefällig ist, der sich vor nichts drückt.“

So flogen ihm die Erfolge zu wie Insekten im Fahrtwind. Was er anpackte, wurde zu Gold. Und kein Schauspieler hat der Welt mehr von seinem Glück zurückgegeben als er. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass wir in seinem Spiel immer auch den Menschen Paul Newman zu sehen kriegen. Einen ganz und gar lauteren, aufrichtigen Kerl. Gerade das macht jeden seiner Filme auch zu einem Schaustück unanmaßender Menschlichkeit, selbst seine weniger geglückten, bis hin zu „Basilus“.

Habe ich schon erwähnt, dass er auch ein begnadeter Jazzpianist war?


Paul Newman an seinem Geburtstag auf kabel eins CLASSICS (26. Januar):

20:15h: Der zerrissene Vorhang (Torn Curtain), USA 1966, R: Alfred Hitchcock, D: PN, Julie Andrews, Lila Kedrova
22:15h: Die Sensationsreporterin (Absence of Malice), USA 1981, R: Sydney Pollack, D: PN, Sally Field, Bob Balaban
00:05h: Schlappschuß (Slap Shot), USA 1977, R: George Roy Hill, D: PN, Michael Ontkean, Strother Martin
02:00h: Sie möchten Giganten sein (Sometimes a Great Notion), USA 1970, R: PN, D: PN, Henry Fonda, Lee Remick
03:40h: Im Zwielicht (Twilight), USA 1998, R: Robert Benton, D: PN, Susan Sarandon, Gene Hackman