1001 Djangos

Die versehentlich größte Westernreihe der Welt - und was dahinter steckt

Seit fast fünfzig Jahren erfüllt Django unser Sehnen nach Vergeltung. Stellvertretend für alles Unrecht, das uns widerfährt und ungesühnt bleibt. Er ist die Art Drecksack, die wir gerne wären. Mit Kugeln und Eiern aus Stahl mäht er das Unrecht nieder. Er ist kein Held, mit dem wir am Ende ein Bier trinken wollen. Er ist vielmehr ein Buddha der Zerstörung, der in jedem Film ein anderer zu sein scheint. Deshalb lebt er noch immer – und weil Filmemacher zuweilen ganz schön schräge Vögel sind.
Eine Rückwärts-Analyse.

2012 veröffentlichte der Indie-Rockstar des Action-Kinos, Quentin Tarantino, seinen Film „Django Unchained“, ein 3-Komponenten-Film aus Spaghetti-Western, Blaxploitation und Karl-May-Abenteuer. Im Kern handelt es sich um eine Hommage an den Western „Django“ des italienischen Autors und Regisseurs Sergio Corbucci von 1966.

Dieser erste Django-Film gebar eine Heldenfigur, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hatte. Sie war so radikal anders, dass sie die Saat für Dutzende weitere Django-Filme legte. Die Radikalität lag, wie so oft in der Kunst, in ihrer Kargheit, in ihrer Beschränkung auf wenige Wesenszüge. Diese aber wurden extrem übertrieben (siehe unten, „How-to Django“).

Corbuccis Ur-Django ist bis heute ein Erfolgsmodell, auch wenn die eigentlichen Filme keine Unsummen, wenigstens aber sicheres Geld verdienten. (Wegen ihrer Brutalität verpassten sie oft die Jugendfreigabe, was dem Kassenerfolg eines Films immer schadet; in Großbritannien stand „Django“ gar auf dem Index – bis 1993!) Trotz peinlicher Pannen (der Patronengurt von Djangos Maschinengewehr bewegt sich kein einziges Mal) und einer ärmlichen Ausstattung, wirkt „Django“ selbst künstlerisch bis heute nach. Denn Corbucci brach sehr gekonnt einige Regeln des Filmemachens, was nicht nur das Western-Genre, sondern das gesamte Action-Kino bis heute veränderte (dazu später mehr). Doch zuvor entbrannte ein echt schräger Wettbewerb.


Die Rache der Neider: Django mordet in weiteren siebzig Filmen

„Django“ trat eine bizarre Flutwelle ähnlicher Filme los. 57 Django-Filme sind allein in Deutschland bekannt, an die 70 in Europa. Das Verrückte: Weder Regisseur, noch Hauptdarsteller galten als Publikumsmagnet, sondern nur diese Filmfigur namens „Django“ – egal wer sie spielt, egal wer sie inszeniert, egal welche Geschichte sie erlebt.


Gerüchteweise hätte auch ein glücklich benanntes Maultier Massen in die Kinos gelockt.

Man stelle sich das so vor: Angenommen, Ludo, der Mistkerl mit Herz aus „Zweiohrküken“, stünde für einen bahnbrechend neuen Filmhelden, und plötzlich schössen jährlich zehn Ludo-Filme auf den Markt. Und Ludo würde nicht nur von Til Schweiger gespielt, sondern plötzlich auch von Elyas M‘Barek, Christoph Waltz, Christoph Maria Herbst, Helene Fischer … Lauter Ludo-Filme! Und alle von unterschiedlichen Regisseuren. So trug es sich tatsächlich in Django-Deutschland zu, fünf lange Jahre, ehe die Flut abebbte: Django erbarmungslos, Django der Rächer, Django der Bastard, Django auf die Knie, Django Halleluja. Die meisten dieser Filme hatten eines gemein: Sie waren dem Schund nahe. Im besten Fall waren sie kurzweilige Unterhaltung mit vorhersehbaren Geschichten.


Django, Djangöser, am Djangösten

Es kam noch verrückter: Unter den Fans entbrannte ein Streit, welcher der über fünfzig Filme ein verdienter, also wahrer „Django“-Nachfolger wäre. Dabei kamen nicht nur Filme von Sergio Corbucci oder mit dem Original-Hauptdarsteller Franco Nero in Betracht. Es gab einen Film, der auf einer Idee Corbuccis basierte, aber ohne Nero gedreht wurde (und misslang); es gab Franco-Nero-Filme, die des Django-Erbes würdig waren, aber nicht „Django“ hießen; und es gab einen einzigen tatsächlichen offiziellen „Django“-Nachfolger („Djangos Rückkehr“) unter einem anderen Regisseur, den aber Fans und Kritik schmähten, weil es kein Rächerfilm mehr war, sondern das Psychogramm eines Sadisten.


“Psychowas?” – “Iss’ deine Bohnen und halt die Klappe, Django.”

Der fleißige Filmschüler hat hier schon gelernt: Wer Trittbrettfahren will, muss wissen, woran er (sich) festzuhalten hat. Die meisten „Django“-Nachahmer sind jedoch aufgesprungen mit ihren Händen in den Hosentaschen. Quentin Tarantino hat gezeigt, wie es richtig, ja sogar noch besser geht, und dass die Welt durchaus bereit ist für weitere „Django“-Filme – wenn sie nach gewissen Regeln gedreht werden oder wenn ein gewiefter Regisseur diese Regeln sachkundig bricht.


How-to Django?

6 Eigenschaften, die ein wahrer Django-Film haben muss

  1. Django ist kein Held, er wirkt nur wie einer. Ein Anti-Held also. Der Zuschauer möchte mit ihm sympathisieren, sich aber moralisch überlegen fühlen. Niemals würde er mit ihm ein Bier trinken wollen. Django hat gelernt einzustecken und auszuteilen, darin ist er besser als jeder andere auf der Erde. Gleichzeitig ist er bescheiden: Er will keine Imperien oder Reichtümer. Er will nur Rache. Eigentlich ist er ein ziemlicher Spacko, weltverachtend, selbstverachtend, verachtungsverachtend. Sein Leben ist ihm eine Last, das Leben anderer auch, doch statt zu klagen, macht er bitterböse Witze. Anders würde er sich selbst nicht ertragen können. Was ihn von seinen Gegnern unterscheidet: Lässt man ihn in Ruhe, lässt er die Welt in Ruhe. Diese Kernbotschaft sollte das Netteste sein, was ein Django-Film vermittelt. Django ist übrigens, früher oder später, körperlich versehrt. Wie sein Namenspatron, der französische Jazzgitarrist Django Reinhardt, der infolge einer Brandverletzung den Gitarrenhals nur noch mit drei Fingern greifen konnte – aber immer noch besser als jeder andere.
  2. Klotzen statt kleckern! Ein Django macht keine halben Sachen und ein Django bringt Sachen zu Ende. Soweit könnte er ein 1a-Vorbild sein – wenn nicht die vielen Toten wären, die er bei der Ausführung seiner Pläne hinterlässt. Es müssen wirklich viele Menschen sterben, gerne sehr blutig und auch mal ganz schön krass. Doch egal, wie viele wie hässlich umkommen, Djangos Gesicht bleibt faltenfrei. Weil es ihn keinen Wimpernschlag kümmert. Mit solcherlei Massentötungen und seiner zynischen Haltung dazu hat „Django“ 1966 das Genre auf ein neues Level gehoben. Neu war auch, dass das Töten in einem Bilderrausch in Nahaufnahme aufging (wohingegen klassische Western das massenhafte Sterben nur andeuten, in Panoramabildern mit vielen umfallenden Indianern und Schießbolden). Der Ur-„Django“ hinterließ 138 Leichen, und das in einer Art Kammerspiel – Schauplatz des Films war im Wesentlichen eine Kneipe und das Schlammloch davor.
  3. Django geht mindestens ein Bündnis mit einem Schuft ein, der ihm nützlich und dabei weniger unausstehlich ist als die anderen Schufte. Diese Bündnisse sind brüchig, wortkarg und von kurzer Dauer. Sie spielen auf eiskalte Weise mit der menschlichen Gefühlsduselei namens Hoffnung: Auch wenn wir es längst besser wissen – nein, Django wird niemals so etwas entwickeln wie Freundschaft, Zuneigung, Läuterung. Er ist der Prototyp des menschlichen Unvermögens sich jemals zu bessern. Obwohl er doch schon auf der besseren der beiden Seiten steht. Wie diese Illusion immer von Neuem stirbt, Django könnte doch noch jener gute Mensch entfahren, den manche so sehnlichst in ihm sehen wollen – dieses Sterben der Hoffnung bei vollem Bewusstsein ist die eigentliche Folter für den Zuschauer. Wir lechzen nach diesen Momenten. Hoffnung, wo es keine Hoffnung gibt, ist ein mächtiges und attraktives Gefühl. Und ein Grund, warum manche Menschen nie genug kriegen können von Django-Filmen. Sie sind Djunkies.
  4. Apropos „bessere Seite“: Eine gute Seite kommt in einem Django-Film niemals vor. Django-Filme sind immer die Apokalypse, die absolute Endzeit. Kein Recht, kein Gesetz, kein Mitleid, kein Erbarmen, keine Hoffnung. Dieser Endzeitcharakter ist historisch unabhängig. Filme wie „Terminator“ oder die „Mad Max“-Reihe haben dieses Motiv von „Django“ aufgenommen und in die Zukunft verlegt – „Django“ hat das Menschheitsende schon im Amerika des 19. Jahrhunderts anklingen lassen. Die Stimmung der Aussichtslosigkeit muss zu jeder Zeit allgegenwärtig und spürbar sein – an diesem Detail kranken einige spätere Django-Filme.
  5. Wir leben in einer Zeit, in der der Comic-Verlag Marvel milliardenschwere Kinoproduktionen bis ins Jahr 2018 und weiter plant. Comics haben Erfolg und Zukunft. Denn Comics erzählen Geschichten mit ungeheurer Wucht: Naheinstellung auf Naheinstellung, starke Bilder, schnelle Schnitte, wenig Worte. „Django“ war der erste Western, der auf diese Weise erzählt wurde – im Comic-Stil. Es gab kaum Totalen (Panoramabilder), wenige lange Einstellungen, keine Schwenks. Wer nicht weiß wie Erzähltempo, Bilderfolgen und Filmschnittdramaturgie in Comic-Manier funktionieren, wird nie einen guten Django-Film drehen. Wer das jedoch spielend beherrscht, kann auch ein mittelmäßiges Drehbuch noch retten.
  6. Beachte die Filmtitel! Django-Filmtitel sind entweder ein Versprechen, das einer Drohung gleichkommt und immer auch ein bisschen albern wirkt. Oder sie orientieren sich an der Mundfaulheit des coolen Hauptdarstellers. Die letztere Art hat die Oberhand gewonnen: Gute Django-Filme heißen „Django“ und „Django Unchained“, schlechte heißen „Wo steht dein Sarg?“ und „Eine Pistole für 100 Kreuze“. Mein Favorit für einen guten nächsten Titel: „Django schläft nie“. Django ist nämlich Romani (Sprache der Roma) und heißt: Ich erwache. Faustregel: Was Django im Film vielleicht selbst sagen würde, wirkt im Titel wie eine Karikatur. Und seien wir ehrlich: Am Ende ist jeder Django-Film eine Karikatur auf unser Verlangen nach Rache, gerade wegen der maßlos übertriebenen staubtrockenen Gewaltfantasien, in denen Waffen Worte ersetzen. Die Moral von der Geschicht: Am Ende der Rache sind alle Verlierer.