Das Wunder von Manhattan

Eine Würdigung zu Bogies 115. Geburtstag

Es geschah am Tag nach Heiligabend im Jahre 1899. In New York City wurde ein Baby geboren. Seine Eltern tauften es Humphrey. Wenig deutete darauf hin, dass Humphrey DeForest Bogart eine unsterbliche Filmikone werden würde: Sohn eines opiumsüchtigen Chirurgen und einer Zeichnerin, aus dem Vorstudium der Medizin geflogen, Marinesoldat ohne Einsatz, mit 23 schauspielerisches Getue in einer Theaterkompanie, die er eigentlich nur managen sollte.

Vom Dilettant zum Debütant
Sein erstes Publikum empfand ihn als unzulänglich. Humphrey ließ sich nicht beirren, versuchte sich weiter. Als er bereits 30 war, ergatterte er einen Schauspielvertrag mit dem Filmstudio Fox. Der Vertrag währte nur zwei Jahre und verlief glücklos. Es folgten weitere Jahre Erfolglosigkeit, aber auch Jahre der Hartnäckigkeit. Dann endlich, mit 36, bekam er die erste Filmrolle, die die Welt aufblicken ließ: als Killer an der Seite von Bette Davis und Leslie Howard in „Der versteinerte Wald“. Leslie Howard war nicht nur Wunschhauptdarsteller der Filmproduzenten, sondern auch früherer Bühnengefährte von Bogart. An die zweihundert Mal hatten sie zusammen den „Versteinerten Wald“ auf Theaterbühnen aufgeführt. Howard erpresste die Produzenten: Entweder Humphrey spielt auch im Film mit, oder ich steige aus. Warner Bros. beugten sich – und wurden belohnt. Der Film wurde ein großer Erfolg. Es folgten fünf fruchtbare Jahre, in denen Humphrey Bogart 28 Filme für Warner Bros. drehte. Im Wesentlichen spielte er Gangster.

Cool ist, wer innerlich kocht
1941 wechselte er die Rolle, aber nicht den Anschein: Derselbe Typ, dasselbe Äußere, dasselbe selbstgerechte Innere – aus dem Gangster wurde der Detektiv Sam Spade, in „Die Spur des Falken“. Er war nur dritte (!) Wahl für die Rolle, die andere vor ihm abgelehnt hatten. Dennoch wuchs Humphrey Bogart von da an zu einem Sinnbild männlicher Zerrissenheit heran. Er verkörperte das Gute wie Böse gleichermaßen, aber beide Wesenszüge folgten einer untadeligen Aufrichtigkeit: Seine Figuren handeln in absoluter Treue zu ihren moralischen Werten. Sie sind ihrer Bestimmung ausgeliefert, aber tragen sie mit Fassung, Stil und Würde. Heute bezeichnen wir das im Allgemeinen als „Coolness“.

American Dream: Vom Schulversager zur ewigen Nummer eins
Es folgten noch gut 30 Spielfilme mit „Bogie“ in der Hauptrolle, darunter „African Queen“ (1951), mit dem er seinen einzigen Oscar gewann. In seinen letzten vier Filmen war er bereits an Speiseröhrenkrebs erkrankt. 1957, ein halbes Jahr nach seinem letzten Auftritt in „Schmutziger Lorbeer“, starb Humphrey Bogart in Los Angeles.
1999 kürte das American Film Institute ihn, den schauspielerischen Spätzünder ohne High-School-Abschluss, zum „besten männlichen Filmstar aller Zeiten“. Freilich standen nur US-Schauspieler zur Wahl, doch angesichts der Dominanz des amerikanischen Kinos mindert das seine Strahlkraft
nicht im Geringsten.

American Idol
Was ist es, das Humphrey Bogart bis heute, auch unter jungen Menschen in Deutschland, zur Sehnsuchtsfigur gemacht hat? Er war beileibe kein Genie unter Zweitklassigen (wie es der FCB in der Fußball-Bundesliga ist), sondern musste sich fortwährend messen lassen an Zeitgenossen wie Cary Grant, Clark Gable, Gary Cooper, Robert Mitchum, seinem Freund Spencer Tracy und in Europa Jean Gabin. Auch hatte er, als er längst ein Star war, immer wieder hinter Kollegen wie Edward G. Robinson und George Raft zurückstecken müssen. Dennoch ist ausgerechnet Bogie (wie ihn Spencer Tracy ab 1930 nannte) zu einem Idol geworden, das schwer zu beschreiben ist, sich aber anfühlt, als gäbe es zu ihm keine Alternative. Im Tod reihen sich alle Leinwandmitstreiter hinter ihm ein.

Rauchen fördert das Wohlbefinden
Bogart ist der Ursprung für viele Klischees, die wir heute in Filmen lieben; die uns helfen, die Welt auf und vor der Leinwand zu sortieren. Er ist die Lebensberechtigung für den stilvollen Trenchcoat, an dem alle Unwetter abperlen (auch die emotionalen). Er ist der geborene Zyniker, und in einer Welt, die nie zynischer war als heute, muss er ein Säulenheiliger sein. Er ist auch der Patron der Kettenraucher, ein Gewährsmann für die Überzeugung, dass an der Zigarette nicht alles schlecht ist, egal wie aussichtslos die Prognose der Ärzte lautet. Selbst die unbeteiligt im Mundwinkel hängende Fluppe geht auf ihn zurück. Vielleicht waren es gerade der Gesundheitswahn und die Rauchverbote der letzten Jahre, die ihn zum Heros der lebenswerten Unvernunft werden ließen.

War alles nur Zufall?
Vielleicht, vielleicht. Mythen bleiben unerklärlich, nur das Wort „vielleicht“ lässt uns ins Unbegreifliche vordringen.
Vielleicht wurden von ihm die besseren Fotos geschossen, die erhabeneren Plakate gezeichnet.
Vielleicht hatte er einfach nur Glück, Mitwirkender in Dialogen und Szenen zu sein – wie solche in „Casablanca“ –, die als Seele des Kinos in die Geschichte eingingen; vielleicht hat aber auch nur er diesen Szenen zur Unsterblichkeit verhelfen können.
Fest steht, dass sich eine Mehrzahl von Menschen auf ihn geeinigt hat, und es ist anzunehmen, dass der Mythos Humphrey Bogart die Summe vieler herausragender Eigenschaften ist – er hatte wohl einfach ein paar mehr als seine Kollegen. Und er hatte den Vorteil, in einem Jahrzehnt groß zu werden, in dem die USA einen Kult um ihre Filmstars trieben, wie es später nie wieder der Fall war.

Bogie 2015
Suchte man heute nach einem Wiedergänger, einem modernen Humphrey Bogart, die Suche müsste scheitern. Zu sehr haben sich die Umstände verändert, unter denen Drehbücher geschrieben, Rollen vergeben, Filme vermarktet, Filme konsumiert werden. Wenn überhaupt, dann müsste man nach einem Nenner suchen, der in allen Rollen Bogarts auftaucht und also untrennbar mit seiner Person verbunden sein muss. Die Journalistin Barbara Sichtermann ist vor 15 Jahren auf so einen Nenner gestoßen: „Seit Humphrey Bogart liebt das Publikum den abgeklärten Wahrheitssucher, der nicht so viel redet und im entscheidenden Moment alles riskiert, um der verfolgten Unschuld beizuspringen.“

Wen suchen wir also: Mann, 40 bis 55 Jahre, wortkarg, leicht ätzender Humor, eigenen Regeln folgend, „nicht dämonisch, aber angefressen von der Wirklichkeit“ (Willi Winkler), gepflegter Trinker.

Würde George Clooney passen? Ich persönlich halte ja Axel Milberg für einen passablen Kandidaten.
Was denken Sie? Nennen Sie uns Ihre Vorschläge in den Kommentaren unter diesem Artikel: Welcher Schauspieler könnte für einen Humphrey-Bogart-Gedenkpreis in Frage kommen?

Die Zeit des Humphrey Bogart ist noch nicht zu Ende. Weil er beispiellose Klasse hatte, und weil wir Klassiker niemals vergessen. Zwei dieser Klassiker sehen Sie übrigens bei uns im Abendprogramm. Am 25. Dezember zeigen wir zunächst um 18.25 Uhr „Sabrina“ und direkt im Anschluss ab 20:15 Uhr „Wir sind keine Engel“.

Kommen Sie gut ins neue Jahr! Wir lesen uns 2015.

Ihr Marwil